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Zunächst bemerkte sein menschliches Rudel es nicht. Sie gingen davon aus, dass er stundenlang vor sich hin träumte. Selbst sein kleiner vierbeiniger Freund ahnte noch nichts. Noch nicht, obwohl Tiere untereinander es sehr schnell spürten, wenn ein Artgenosse sich auf die allerletzte, lange Reise begab. Erst nach Stunden, als "Abendessen für Wauwaus“ angesagt war, da kam ihnen allen das komisch vor. Sicher, Matos Gehör war nicht mehr das beste. Häufig brauchte es ein zehnmaliges Rufen, ehe er dann endlich antrabte. Früher, in seinen jungen Tagen, war er immerhin schon nach dem fünften Kommando gnädigst erschienen. So nach dem Motto: "Na ja, ich guck `mal, was ihr treibt!“.

Die Trauer war schrecklich, als sie merkten, was los war. Auch Quinny war nicht zu beruhigen. Sein bester Freund hatte ihn verlassen. Seine Hundewelt war total in Unordnung geraten. Stundenlang winselte er verzweifelt vor sich hin.

Sie alle hatten ja keine Ahnung. Hätten sie es gewusst, wäre die Trauer in Freude umgeschlagen. Denn Matos kleine Hundeseele war glücklich. Nichts fiel ihr mehr auf die Nerven. Da war nur noch Friede und Freude um sie her. Keine Mäuse, keine Fasane, keine Katzen, keine fremden Rüden und vor allem keine frechen kleinen Spinnchen machten ihm länger sein Hundeleben zur Hölle. Sorgten nicht mehr für eigentlich total unnötige Aufregungen. Nein, federleicht fühlte sich seine Seele, befreit von allem irdischen Ballast. Und dementsprechend leicht und unbekümmerten Gemütes verabschiedete sie sich aus ihrem mehr als 15jährigen Zuhause und schwebte dann frei durch die Luft, "Danke für alles!“, flüsterte sie mit einem wehmütigen Blick zurück, "Ich werde immer um euch sein!“.

Als Geisthündchen in Mato-Gestalt stieg sie auf. Geführt auf diesem richtungweisenden Wege vom Schutzengel Franziskus, der sich unbemerkt ihr zugesellt hatte, "Komm, nur keine Angst! Du warst Dein Leben lang stets ein braver Hund. Dir ist ein Platz im Himmel sicher!“. Sie stiegen höher und höher, durch die Wolkendecke hindurch, die sich zwischenzeitlich verdichtet hatte, verließen die Erde und schwebten schwerelos weiter und weiter in den Weltenraum hinein. Mato wusste es nicht abzuschätzen, wie lange ihr Flug andauerte. Noch nicht einmal eine Richtung hätte er angeben können. Im All gibt es ja bekanntlich kein Oben und Unten, kein Rechts und Links. Trotz der Dunkelheit empfand er mit Franziskus an seiner Seite keine Furcht. Ruhig und gelassen schwebte er durch die endlose Stille. „Wann sind wir da?“, erkundigte er sich bei Franziskus. Mit einem Lächeln erwiderte der Engel: "Das, was Dir irrsinnig lang erscheint, ist nur ein winziger Teil der Ewigkeit". Und, auf Matos verständnislosen Blick hin: „Wir haben gleich unser Ziel erreicht. Schließe für einen Moment Deine Augen, und öffne sie erst wieder, wenn ich es Dir sage. Hab` Vertrauen“.

Darauf hinzuweisen, war unnötig. Mato hatte Franziskus auf Anhieb gut leiden können. Kein Wunder, da der doch so lieb zu Tieren war. Hund schloss die Augen und wartete. Jede Sekunde erschien ihm unendlich lang. So, wie er sich eben eine Sekunde des Ewigdings vorstellte. Doch da flüsterte ihm auch schon sein Begleiter die Zauberworte ins Ohr: "Das Eingangstor zum Hundehimmel!“ Aufgeregt und vor Neugierde fast zitternd riskierte Mato einen schüchternen Blick. Riss die Augen auf. Oh, so etwas Schönes und Verlockendes war ihm doch noch nie begegnet. Da stand, oh Wunder, mitten in der Unendlichkeit des Weltenraumes ein riesiges, halbrundes grünes Tor. Grün wie sattes Gras war es. Wie das Gras auf der Wiese in seinem ehemaligen Revier. Dunkel kam die Erinnerung daran zurück... Und in dem Moment auch an sein geliebtes Frauchen. Was sie jetzt wohl machte? Ob sie seinetwegen, weil er sie verlassen hatte, noch weinte? Schnell verdrängte er diesen Gedanken. Sonst wäre er wohlmöglich auch selbst noch traurig geworden. Und dafür ist der Hundehimmel wahrlich nicht der richtige Ort.

Er schnupperte. Woran erinnerte ihn bloß dieser äußerst angenehme Geruch, der ihm da in die Nase stieg? Würden hier etwa auch Leckerchen spendiert? Das müsste doch raus zu kriegen sein. Es wartete eine Wahnsinnsüberraschung auf ihn. Irre, das roch ja wie Royal canin, Eukanuba, Pedigree pal und Chappi zusammen. Sein Blick streifte nochmals das grüne Tor. Da sah er es. Sah es und mochte es vor Glück kaum glauben. Rings herum wuchsen Schweineohren, Ochsenziemer, Kaustangen und sogar auch die ganz dicken Kauknochen, die er stets in den Schaufenstern der Zoogeschäfte so sehr bewundert hatte. Und am Tor selbst klebten Hundeschokoladensmarties. Ganz viele, denn im Himmel hier lebten all die braven Hunde der ganzen Welt, die wie auch Mato auf Erden ihre Pflichten mehr als nur gut erfüllt hatten. Und das Tollste an der ganzen Geschichte: Stibitzte ein Hund sich einen Leckerbissen, so wuchs an der Stelle direkt ein neuer nach.

Und jetzt? Was käme jetzt? Sein neuer Freund ließ ihn zappeln, verriet ihm nichts. Stattdessen pflückte der einen Kauknochen, der in der Nähe des Tores wuchs und klopfte energisch gegen die Tür. Mato schrak ja doch ein wenig zusammen. Denn der Kauknochen machte einen ziemlich dollen Lärm, wie er da gegen das Tor bullerte. Unwillkürlich kam ihm der Gedanke an Frauchen. Daran, wie sie immer reagiert hatte, wenn er in der Mittagszeit im Garten gebellt hatte. Da war sie meistens ziemlich sauer gewesen. "Wir haben Mittagszeit, Mato“, hatte sie gemeckert und ihn schleunigst ins Haus geholt. In Erinnerung daran wandte sich Hund an seinen Begleiter. Allerdings noch ein wenig unsicher, denn das hier war schließlich nicht sein eigenes Revier. Bis dato war er ein Fremder. Hatte sich deshalb mit heftigen Argumenten gefälligst zurück zu halten: „D...duu, n..nicht so ´n Krach machen. Wir haben doch Mittagszeit!“. Doch anscheinend verstand sich auch Franziskus auf "taube Ohren“. Nach dem dritten "Bumm“ öffnete sich endlich das Tor. Mit einem lauten Knarren. „Ist ja auch schon fast eine Unendlichkeit an Jahren alt!“, schoss es Hund durch den Kopf.

Ein verschlafen sie anblinzelnder Zweibeiner mit einem langen, weißen Bart stand da vor ihm. Bei dessen Anblick versicherte sich Mato insgeheim: „Ich hab` ja drauf hingewiesen, dass wir Mittagszeit haben!!“. "Hallo, Franziskus!“, begrüßte jener Zweibeiner aber Widererwarten freundlich Matos Begleiter, "Wen bringst Du mir denn da?“. "Guten Tag, Petrus.“, erwiderte Franizskus, "Das ist Mato Schumacher, ein ganz besonders lieber Hund!“. "Na, Mato, dann zeig mir ´mal Deine Papiere. Ohne die kann ich Dich nämlich nicht hier reinlassen.“

„P...Papiere?“ stotterte Hund verzweifelt. Oh je, hätte er doch seinen Impfausweis mitgenommen. Da stand wenigstens sein Name drin. Und auch sogar sein Geburtsdatum. Vom lieben Gott konnte er doch wahrhaftig nicht erwarten, dass der sich seine Informationen per Schnüffelei an seinem natürlichen Pass einholte. Das wäre doch selbst vom lieben Gott zuviel der Liebe verlangt gewesen. Denn der war doch auch nur ein Zweibeiner. Und die taten so was nicht. Ratlos und hilfesuchend sah er zu Franziskus. „Alles in Ordnung, Mato.“, meinte der beschwichtigend und kramte aus den Falten seiner himmlischen Kutte ganz viel Raschelzeug mit furchtbar viel Schwarz drauf. Hund staunte Bauklötze. Vor lauter Überraschung machte er einmal laut "Wuff“. Obwohl er doch eigentlich keinen Lärm machen wollte. Doch beruhigte er sein Gewissen damit, Petrus wäre jetzt ohnehin wach. Also, was sollte es. "Wuff“ war schon fast richtig. Noch zutreffender wäre gewesen "Wauwau“. Denn das stand in den vielen Papieren, die Franziskus in der Hand hielt. Dass Mato zu den Hunden zählte, sogar zu denen mit blauem Blut. Na ja, seines war ja strenggenommen nur pseudoblau. Seine Mama als emanzipierte Hündin hatte sich wider des Vorschlages des Züchters anders entschieden und ihre Zuneigung wahrscheinlich einem Chow-Chow geschenkt. Aber so ganz detailliert war Mato darüber nie aufgeklärt worden. Ihre Liebesgeheimnisse hatte seine Mama ihm nicht anvertraut.

Hunds Selbstbewusstsein wuchs enorm fix, als er auf den Riesenpacken dieser Rascheldinger mit überall Schwarz drauf schielte. Bei soviel Schwarz, machte er sich selber Mut, dürfte eigentlich seiner Aufnahme in die hündische Seligkeit nichts im Wege stehen. Was da wohl alles drauf stand? Zu gerne hätte er per Nase ein wenig darin rum gewühlt. Vielleicht erzählte ihm dann das Schwarz, wer eigentlich wirklich sein Papa war?? Doch das ziemte sich für einen Hund aus gutem Hause ja nun gar nicht. Auch nicht für einen aus halbgutem Hause. Zumindest das hatte seine Mama ihm schon in Babytagen beigebracht! Tüchtige Mama. Mato ein braver Sohn. Er gedachte seiner Erziehung und ließ es bleiben.

"Der Herr kommt sofort!“, kündigte Petrus mit andächtiger Stimme an. "Gelobt sei Gott!“,  kam genauso andächtig die prompte Antwort von Franziskus. Mato sagte gar nichts dazu. Ihn beschäftigte ein ihn mordsmäßig interessierender Gedanke: "Wurde der liebe Gott etwa auch jedes Mal gelobt, wenn er kam? Und besonders, wenn er sofort kam?? Hat Frauchen mit mir ja auch gemacht, wenn ich in Ausnahmefällen Ausversehen sofort gehorcht habe!“, brummelte er leise vor sich hin. Doch seine Überlegung ging noch weiter: "Ob der dann zur Belohnung ebenfalls hinter seinen himmlischen Ohren gekrault wird?“ Er zog den sicherlich nicht ganz falschen Schluss, dass dann der Bart dessen Jüngers Nr. 1 den lieben Heiland dabei ganz beträchtlich im Nacken kitzeln würde. So wie ihn früher dann manchmal Frauchens Haare.

"Es kann noch einen Moment dauern“, meinte Petrus, „Setzt Euch doch hierhin. Macht es Euch gemütlich.“. Mato sah sich um. Klasse, überall Hundeluxuskörbchen in jeglicher Größe. Wie zu Hause ausgestattet mit irre weichen Decken und Kopfkissen. Wahnsinn!! Bei dem Anblick fühlte er sich gleich heimisch. Und so tolle Bezüge waren da drauf. Nach kurzem Zögern hatte er seine Wahl getroffen. Wie praktisch - er ließ sich voll des hämischen Genusses auf ein Oberbett mit ganz vielen miauenden Kratzbürsten plumpsen. Endlich hätte er so die Gelegenheit, möglichst viele von denen auf einmal platt zu machen. "Ja“, erklärte da gerade der Petrus dem Franziskus, "da gibt es ein Sorgenkind. Der Herrgott muss sich noch ein paar Minuten mit einer Riesendogge auseinander setzen. Die hat doch tatsächlich ohne triftigen Grund ihren Besitzer gebissen.“ Mato spitzte seine Lauscherchen. Was er da vernommen hatte, jagte ihm eine Schauer der Empörung übers Fell. Ihm sträubten sich die Nackenhaare. "W... was hat die..?“, stammelte er, "und die ist auch hier oben?“. Sein Gerechtigkeitsempfinden erlitt einen gehörigen Schock. Schließlich war "Beißen“ eine Todsünde. Was hatte dies Vieh dann um Himmelswillen hier oben zu suchen? Und mit der sollte er sich wohlmöglich bis in alle Ewigkeit (ihm war immer noch nicht klar, was das eigentlich war!?) den Hundehimmel teilen?? "Ich habe ja schon eine SMS zur Vorhölle geschickt, damit sie abgeholt wird“, versuchte Petrus ihn zu besänftigen. "Vorhölle??“, japste Mato knurrend nach himmlischer Luft. Er fasste es einfach nicht. Seiner Meinung nach gehörte ein solches, über den Rest der Hundewelt Schande bringendes Exemplar für alle Ewigdingsbums auf die höllische Mistgabel aufgespießt. Und nichts anderes kam da in Frage.

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