Petrus hatte das nicht ganz unzutreffende Gefühl, eine detailliertere Schilderung der Sachlage abgeben zu müssen, wollte er seinen Herrn und Meister nicht mit dem Ruf eines ungerechten Schöpfers im Regen stehen lassen. "Sie bekommt mildernde Umstände“, hub er an. "Auuch daaas noch!“, schnaubte Mato dazu. Sehr viel mehr ließ das ihn mittlerweile lähmende Entsetzen darüber, was er hier zu hören bekam, einfach nicht zu. "Ja, es ist nämlich so: Sie hatte ein klapperdürres Herrchen. Und da hat sie wohl bedingt durch einen Sonnenstich an einem Hochsommertag geglaubt, sie hätte da ein in seiner Größe für sie passendes Superleckerchen vor ihrer Nase. In Bezug auf jenen tragischen Moment ist sie eindeutig als da unzurechnungsfähig einzustufen.“ "Tolle Rechtsprechung," sagte sich Mato, "ist ja fast wie auf Erden. Da wurden ja auch am laufenden Band so dermaßen makabre Urteile gefällt.“
Wenn er bloß darüber nachdachte, dass da Zweibeiner, die Menschenwelpen abgemurkst hatten, tatsächlich noch in teuren Menschenkrankenhäusern mit Samtpfoten umsorgt wurden, damit diese armen Individuen später nach ihrer Entlassung neue Kraft hatten, um ihr Treiben mit vermehrter Energie fortsetzen zu können...! Bei diesem Gedanken grummelte es deutlich in seiner Magengrube. Doch brechen täte er derentwegen nicht. Das waren die nicht wert!
Petrus verschwand. Wahrscheinlich, um Missis Dogge einzufangen. Die unter Garantie noch die Frechheit besaß, den Versuch zu unternehmen, sich vor dem ihr bevor stehenden Abtransport in Richtung Hölle noch ein letztes Mal den Bauch mit geklauten, himmlischen Schweineohren voll zu schlagen. Dreist, wie die war, schnappte die sich natürlich dann skrupellos nicht nur eines, sondern bestimmt drei gleichzeitig. "Hoffentlich, hoffentlich“, so stöhnte Mato bei dieser für ihn grauenhaften Vorstellung, "verwandelt sich dieses extra leckere Hundeschluckerzeug dann in brutalst einschlagende Beruhigungsspritzen! Dann ist die wenigstens außer Gefecht gesetzt.“ So verarzteten doch immer die Menschen ihre Artgenossen, falls die sich in ähnlicher Weise so maßlos unverschämt daneben benommen hatten. Schon erschien Petrus wieder auf der Bildfläche. Machte einen sichtlich zufriedenen Eindruck: "Entwarnung! Das Biest sind wir los. Der Oberwachtteufel Satanus hat sie gerade abgeholt. Je nachdem, ob und wie viele Teufel sie dort beißt, kann sie nach angemessener Aufenthaltsdauer dort nochmals um Himmelsasyl anfragen. Also: Friede den Menschen auf Erden. Und Friede, Freude, Eierkuchen erst recht hier im Himmel!“
Mato, völlig erledigt ob dieser Eröffnung, investierte keinerlei Mühe, über diesen letzteren Ausspruch des heiligen Mannes da vor ihm noch weiter nachzusinnen. Wann käme denn nun endlich der Herrgott? War der etwa genauso solch eine lahme Flasche wie manche Zweibeiner?
Gott spannte seine Untergebenen, seine geliebten Geschöpfe, nicht länger auf die Folter. Ein kleines Seitenportal öffnete sich. Herein trat der Herrgott. Bei dessen Anblick dann allerdings drohte dem vierbeinigen Himmelskandidaten beinahe ein post mortaler Herzschlag. Hund fielen fast die Augen aus dem Kopf und seine vor Aufregung zitternde Nase ab. Nein, soo hatte er sich seinen Herrn und Meister denn doch wahrlich nicht vorgestellt. Der stand da nicht etwa in wallendem weißen Gewande. Wie immer in dem komischen Bibeldingsbums geschildert. Stattdessen entpuppte der sich als echter Naturbursche. War sehr flott gekleidet in Kniebundhose, rot-weiß-kariertem Hemde und Wanderschuhen. Wozu er die allerdings hier trug, war und blieb unserem Wauwau relativ schleierhaft. Berge waren hier nirgendwo zu sehen. Wahrscheinlich lebte sein oberster Chef sehr modebewusst. "Wieso eigentlich aber auch nicht diesen Kleidungsstil?“, führte sich Mato vor Augen, immer noch fasziniert dessen Outfit begutachtend, "Schließlich hat der ja die gesamte Natur erschaffen. Der darf also so rumrennen!“. Rot-weiß kariertes Hemd? "Rot“ stand für Liebe und war somit durchaus angemessen. Und "weiß“ für Unschuld. Doch diesbezüglich regte sich in Matos Herzen lebhafter Widerspruch. Denn soo unschuldig war Gottes Sohn, der liebe Jesus, während seines Erdenlebens gar nicht gewesen. Hatte sogar mehrere Freundinnen gleichzeitig sein Eigen genannt. Obwohl das in dem Bibeldingsbums ausdrücklich verboten worden war. Na ja, vielleicht sollte er besser sein Mäulchen halten. Sann er darüber nach, wie viele Weibchen er in seinem Leben...!!
Der Naturbursche, Schöpfer allen Seins, wirkte jedenfalls augenblicklich sichtlich erschöpft. "Himmel! Noch ein solches Exemplar heute, und es langt!“ Mato (ganz erschüttert): "Der ruft sich ja selber an. Dann ist es wahrlich weit mit ihm gekommen!“ Er entschied, ganz besonders charmant zu dem zu sein. Wäre ja sowieso anzuraten, denn schließlich wollte er hier ja rein. Er setzte sich in dem Korb auf, ordnete seine Pfoten ordentlichst neben einander, setzte seinen innigsten Dackelblick auf und harrte mit gehörigem Herzklopfen der Dinge, die jetzt unweigerlich auf ihn zu kämen. "Na, Matochen, dann werfe ich mal schnell einen Blick auf deine Papiere. Obwohl ich das ja gar nicht brauche, denn ich bin ja allwissend, wie du weißt.“ "Eigenartige Bemerkung!“, sagte sich Mato, "Mein oberster Chef ist ja total groggy!“ Doch, bevor er diesen frustrierenden Gedanken weiter spinnen konnte, ging es erst richtig los: "Also, Mato, was lese ich hier: Gehört sich das, dauernd auszubüxen? Und, darf man alles klauen, was nicht niet- und nagelfest ist?“ Gott wiegte bedächtig zweifelnd seinen Kopf hin und her, "Ob ich dich unter diesen Umständen hier aufnehmen kann?". Matos Herz fing an zu flattern: "Lieber Gott, bitte, bitte. Lies besser an andrer Stelle weiter!“ Der liebe Gott hatte ein Einsehen und übersah geflissentlich die nächsten zwei Kapitel. Zu Hunds großen Glück. Denn danach folgte nur noch Lob: "Na, du hast ja dein Rudel dein Leben lang konsequent mit Vehemenz verteidigt, hast ausgesprochen geduldig mit dem Menschnachwuchs gespielt. Und, was für mich ausschlaggebend ist: Du hast auch nicht ein einziges Mal versucht, deine Menschen bösartig anzuknurren. Wenn ich das so lese, dann will ich noch mal Gnade vor Recht ergehen lassen.“
Plötzlich gefiel Mato die himmlische Rechtsprechung wieder ganz ungemein. Mutiger geworden, trapste er zu Gottvater, schmiegte sich an dessen Bein und ließ sich mit Wonne minutenlang abknuddeln. Gottvater nutzte das ebenfalls mit Wonne ebenfalls minutenlang aus. "Ach, sag einmal, woran bist du eigentlich gestorben?“, meinte doch tatsächlich da sein Herr und Meister. "Spinnia saurica!“, stotterte Mato irritiert. "Weshalb fragte der denn bloß? Ich denke, der ist allwissend?", kam in ihm fragend auf. Hund wunderte sich doch beträchtlich. "Ääh... what?“ gab Gott da gar nicht mehr so allwissend zurück. "J... ja, wau, abaaa - ich d...dachte...!“, es endete von Matos Seite aus in einem ziemlich hilflosen Stottern. Dann kam ihm eine erschreckende, all seine hündischen Glaubenssätze über den Haufen werfende Erkenntnis: Sollte dieser Schöpfer aller Kreaturen sich zuviel des Erschaffens zugemutet und deswegen so allmählich die Übersicht verloren haben? Zum Beispiel dann auch darüber, was alles an Arten von der "spinnia saurica“ auf Erden ihr Unwesen trieb. Hatte der durch diese Überanstrengung wohlmöglich an Allwissenheit eingebüßt? Und demnach auch an Allmacht?
So vermutete Mato. Und er vermutete richtig. Gottvater ließ sich auf seinen Thron plumpsen (im Hundehimmel ist das ein Superluxuskorb mit mindestens drei Kopfkissen!), stützte den nicht mehr so ganz allwissenden Kopf in seine linke Hand und dachte nach. Brütete über "spinnia saurica“, zwecks Aufpolierens seiner Allwissenheit. Der Rest der ihm noch verbliebenen Allmächtigkeit sollte ihm dabei helfen. Mato hatte voller Mitleid seinen Schöpfer beobachtet. Der da so zusammen gesunken saß. Sein Entschluss stand fest: "Dem schenke ich zum nächsten Geburtstag eine Ausgabe von"Brehm´s Tierleben, zwecks Wiederaufbaus des göttlichen Selbstbewusstseins!!".
Gaby Schumacher
tastifix@web.de
Geschichte "Allmacht" ist nachzulesen auf rp-online...opinio.de,
www.keinverlag.de, www.online-roman.de, www.e-stories.de
Anmerkung der Redaktion:
Auf unsere Anfrage nach einer Übernahmeerlaubnis bekamen wir diese Antwort:
Hallo Nuuna!
Gerne und mit Stolz gebe ich Dir die Erlaubnis, sie auf Deiner Internetseite zu veröffentlichen.
Übrigens musste er jetzt am Donnerstag fast 17-jährig eingeschläfert werden. Er war seit ein paar Tagen völlig verwirrt, frass nicht mehr, trank nicht mehr und guckte mich an, sah aber durch mich hindurch. Mato, gen. Knödelchen ist in meinen Armen friedlich ohne Schmerzen eingeschlafen. Ein sehr stolzer Hund, dem es ermöglicht wurde, stolz in den Tod zu gehen und nicht etwa an bereits beginnenden Qualen elendig zugrunde zu gehen (Bauchkrämpfe). Er war der älteste von drei Tieren, die ich gleichzeitig groß gezogen habe und zudem mein Lieblingshund.
Ich freue mich, dass Dir diese Geschichte so gut gefallen hat. Als ich sie damals schrieb, ahnte ich noch nicht...
Einen lieben Gruss
Gaby Schumacher, Düsseldorf
Wir bedanken uns bei Gaby Schumacher für die Übernahmeerlaubnis und hoffen, auch Ihnen hat die Geschichte gefallen. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des der Autorin.
Seiten: 1 2 3
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