Der Hund im Wolfspelz

Zuletzt aktualisiert am 22. April 2019 von Stefan Richter

Bei unseren Hunden aber ist diese Reihenfolge ziemlich auseinander gefallen. Wir haben Jagdhunde gezüchtet, die z.B. nur Orientierungsverhalten in Richtung Beute zeigen. Wir haben Hunde gezüchtet, die die Beute treiben bzw. hetzen aber nicht stellen, packen oder gar töten. Wir haben Apportierhunde, die die Beute packen und zurück bringen ohne sie sich selbst zu Gemüte zu führen, dafür fehlen wieder alle anderen Teile. Was ich damit sagen will ist, dass das Jagdverhalten bei unseren Hunden nicht, oder nur vereinzelt, noch komplett zu sehen ist. Die einzelnen Elemente können beim Hund unabhängig von einander auftreten, wobei man beim Wolf die komplette Palette beobachten kann. Es ist z.B. nicht selten, dass man Hunde sieht, die wie wild hinter einem Reh her hechten, mit fliegender Zunge und Ohren, vor Erregung kreischend. Doch wehe wenn es stehen bleibt. Wenn der Hund dann eben nicht die Verhaltensinformation „packen!“ und „töten“ im genetischen Code hat, wird er erschreckt weg laufen, weil er einfach keine Ahnung hat, was er jetzt tun soll.

In keinem anderen Bereich (außer mittlerweile leider dem optischen) wurde so viel vom Menschen züchterisch manipuliert wie beim Ablauf des Jagdverhaltens.

Sozialverhalten im Vergleich Wolf/Hund
Das Sozialverhalten der Wölfe unterscheidet sich, wie schon erwähnt, von dem der Hunde in einigen Punkten. Aber auch die Geschichten und Vorstellungen, die sich um den Wolf und sein Sozialverhalten ranken, sind manchmal erstaunlich kindlich und antiquiert.

Oft wird gemeint, dass der Leitwolf ein rigoroser Despot ist, der sein Rudel mit einer gnadenlosen Dominanz regiert. Das Schlimme an dieser Annahme ist, dass viele unter uns denken, auch sie müssten sich so ihrem Hund gegenüber verhalten.

Der Mensch bestimmt die Richtung in die gegangen wird, der Hund hat sich danach zu richten. Man geht zuerst durch die Tür, legt sich nie, wenn der Hund da ist, auf den Boden. Der Hund darf sich nicht auf einen setzten. Man muss dem Hund das Fressen wegnehmen können, weil ein Leitwolf das angeblich auch jederzeit könnte etc. pp. Sicher sind das Verhaltensweisen, die Dominanz demonstrieren und sind auch in dem einen oder anderen Fall nicht unwichtig. Doch dieses als prinzipiell wichtiges und richtiges Verhalten zu lehren, weil das in „freier Natur“ auch so geschieht, ist schlicht weg falsch und enttäuschend für den Hund. Der Wolf ist in vielen Dingen ein durch und durch demokratisches Wesen.

Ein Leitwolf, d.h. der Rüde, ist von seinem demonstrierten Aggressionspotential her der friedlichste Wolf im ganzen Rudel. Er ist daran interessiert, dass Ruhe, Ordnung und unbedingt eine gute Stimmung im Rudel herrschen, denn nur so kann er seine Position halten. Wenn die Stimmung im Rudel dauerhaft aggressiv und gereizt ist, wird er nervös und versucht den Störfaktor zu entschärfen. Er verhält sich souverän. In der Regel hält er sich aus Rangkämpfen seiner Untergebenen bis zu einem gewissen Punkt heraus.

Der Rüde mit dem meisten demonstrierten Aggressionspotential ist der so genannte Beta-Rüde. Also der Wolf, der eigentlich auf die Alphastellung spekuliert. Er verhält sich dem Alpharüden gegenüber protestierend, defensiv – aggressiv. Außerdem ist er ständig damit beschäftigt den Sub-dominanten Tieren „eine auf den Deckel zu geben“, damit die bloß nicht auf die Idee kommen seine u.U. hart erkämpfte Stellung zu kippen. Die subdominanten Tiere bilden den Grossteil des Rudels, welches sich häufig aus dem Wurf des letzten und teilweise des vorletzten Jahres bildet. Sie haben untereinander eine Rangfolge festgelegt und nehmen insgesamt die letzte „Position“ im Rudel ein. Hinter ihnen ist nur noch der eventuelle „Prügelknabe“, der Blitzableiter für alle aufgestauten Aggressionen jedermanns ist. Er hat keinerlei Rechte und in der Regel wird er das Rudel nach einem Zeitraum, der durch die Häufigkeit und die Heftigkeit der Angriffe variieren kann, verlassen. Dabei wird kein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Prügelknaben gemacht. Diese Prügelknaben werden oft hemmungslos angegriffen. Sonstige Konflikte mit anderen Rudelmitgliedern werden aber laut und mit viel „Getöse“ geklärt, doch viel passieren wird nicht. Allerdings wird bei einem ernsthaften Angriff auf, z.B. den Prügelknaben, kein Mucks von sich gegeben. Es findet alles völlig still statt bis auf das heftige Atmen der Tiere. Hund/Wolf ist voll darauf konzentriert sein Gegenüber möglichst erheblich zu verletzten und wenn er sich nicht in Sicherheit bringen kann, auch zu töten. Keine Demutsgeste wird in einem Ernstkampf erhört, denn hier geht es um Leben und Tod.

Deshalb ist es auch halb so wild, wenn zwei Hunde mit lauten „Gekreische“ aufeinander losgehen. Denn das haben sie von ihrem Urahn übernommen. Die Formel, je lauter desto harmloser die Auseinandersetzung, greift in der Regel auch bei unseren Hunden.

Sexualverhalten und Welpenaufzucht
Wie schon angeschnitten gibt es eine geschlechtliche Trennung der Rangfolge. Das Alphaweibchen, das sich oft viel länger halten kann als der Alpharüde, koaliert nämlich, rechtzeitig zum Wechsel der männlichen Macht, mit dem Betarüden und stößt gemeinsam mit ihm den älteren Wolf vom Thron. Der Gestürzte Alpha kann dabei zum oben beschriebenen Prügelknaben mutieren und muss in der Regel das Rudel verlassen. Der Alphawölfin beschert weiterhin die gesicherte weibliche Alphastellung im Rudel.

Die Wolffähen sind wesentlich kompromissloser und aggressiver untereinander als die Rüden. Für die Alphawölfin ist es nämlich wichtig sämtliche Rudelmitglieder für die Versorgung ihrer Welpen einzuspannen. Je mehr Würfe in einem Rudel aufgezogen werden würden, desto unwahrscheinlicher, dass die Alpha-Welpen durchkämen. Also wird zum Winter hin jedes weibliche Wesen von der Alphawölfin aus dem Rudel verbannt, oder bewacht und unterdrückt, so dass sie vor Stress nicht in die jährliche Ranz kommt. Im Februar ist es bei der Alphawölfin soweit, sie beginnt in die Ranz zu kommen und sämtliche Rüden versuchen ihr Glück. In der „Hauptzeit“ darf das aber nur der Alphawolf. Entweder werden die anderen von ihm persönlich oder von der Alphawölfin weggebissen. Die lange Vorbereitungszeit des Winters auf die Paarungszeit im Februar ist deshalb so wichtig, weil die Wolfrüden nicht das ganze Jahr „im Saft stehen“. Ihre Fruchtbarkeit wird erst durch die abgesonderten Duftstoffe des Wolfsweibchens angeregt.

Erstaunlich dabei ist aber, dass sich die Alphawölfin in den Nebenzeiten (also die Zeit zu Beginn oder zum Ende der Ranz, in der die Wölfin nicht fruchtbar ist) von anderen Wolfsrüden als dem Alphawolf des Rudels decken lässt.

Warum tut sie das?
Sie tut es deshalb, weil sich dann mehr männliche Wölfe für den Wurf verantwortlich fühlen und fürsorglich sind, d.h. die Überlebenschance des Wurfes potenziert sich.

Mit ihren „Konkurrentinnen“ ist die Alphawölfin rigoros. Sollte doch eine Wölfin zum „Zuge“ gekommen sein und tragen, wird der Wurf von der Alphawölfin getötet. Es ist nur sehr, sehr selten, dass mehrere Würfe in einem Wolfsrudel aufgezogen werden. Alles in der Natur orientiert sich daran, dass der Stärkste überlebt und so biologisch die Erhaltung der Art durch den Stärksten gesichert wird. Das klingt grausam, ist aber völlig normal und gesund.

Die geschlechtlich getrennte Rangordnung existiert zwar auch noch bei unseren Hunden, doch gibt es viele Querverbindungen. Deshalb gibt es zwischengeschlechtliche Rangeleien viel häufiger bei den Hunden als bei den Wölfen. Für unsere Hündinnen gibt es keine spezielle Zeit, in der sie läufig sind. Sie sind es zweimal im Jahr und die Rüden sind das ganze Jahr über fruchtbar. Es ist auch durch die Obhut des Menschen nicht mehr nötig für die Hunde, die Jahreszeiten auszunutzen. Die Hündinnen sind nicht wählerisch in Sachen Rüden und wer kommt, der kann. Die Hündin ist nicht daran interessiert nur den Alpharüden Vater ihrer Welpen werden zu lassen. Der Alpharüde passt zwar auf, dass kein Nebenbuhler zum Zuge kommen kann, ist aber lange nicht so ernsthaft bei der Sache, wie das der Alphawolf ist. Ursache ist aber der fehlende Selektionsdruck. Auch hier haben sich also die komplizierten Spuren des Wolfes völlig verloren.

Die Bindung im Wolfsrudel ist enorm, und zwar Rang unabhängig. Will man ein Alphatier aus dem Rudel entfernen versucht es genauso beim Rudel zu bleiben, wie ein rangniedrigeres Tier. Auf Spaziergängen mit seinen zahmen Wölfen hat Ziemen folgenden Versuch gemacht:

Er ist mit zwei Gruppen von Wölfen und Menschen im 180° Winkel auseinander gegangen und hat einen oder zwei weitere Wölfe in der Mitte zurück gelassen. Die erste Gruppe bestand aus dem Leittier und Ziemen selbst. Die zweiten Gruppe bestand aus 5 subdominanten Tieren und deren Führer. Die Wölfe liefen alle ausnahmslos zur größeren Gruppe hin. Der von Ziemen geführte Alphawolf wehrte sich erheblich und war kaum zu halten. Er wollte wieder zu seinem Rudel zurück.

Je größer eine Gruppe Wölfe ist (bis zu einer Maximalzahl, die variieren kann und sich nach den Lebensbedingungen richtet) desto größer ist die Überlebenschance der Tiere. Es ist also sicherer, für einen einzelnen Wolf oder eine kleine Gruppe, sich für eine größere Gruppe zu entscheiden, als für einen einzelnen Alphawolf. Und was wäre ein Alphawolf ohne sein Rudel? Natürlich ist er bemüht bei seinem Rudel zu bleiben, denn nur dort kann er seine Alphastellung leben.

Eine interessante Beobachtung war noch, dass die männlichen Tiere der Gruppe eine wesentlich größere Maximaldistanz zum Rudel „verkraften“ konnten und teilweise auch suchten, als die weiblichen Tiere.

Unsere Hunde binden sich anders. Ein Hund geht eine enge Beziehung zum Menschen ein. Er sucht sich meistens einen Menschen aus der Familie heraus, an den er sich besonders bindet. Dies ist das Erfolgsrezept der Hunde. So haben sie über Jahrhunderte ihr Überleben sichern können. Diesem Menschen folgt er und zwar unabhängig von der Gruppengröße. Was allerdings recht ähnlich ist, ist, dass sich unsere Rüden bei einem Spaziergang weiter entfernen als die Hündinnen. Also ist auch bei unseren Hunden die Maximaldistanz zum Rudel, bzw. zur Bezugsperson, geschlechtsspezifisch unterschiedlich.