Boppard. Es ist für uns Hundehalter ein ver­trau­tes Bild: Mit den ers­ten war­men Tagen beginnt das Gras wie­der zu wach­sen und ver­wan­delt die Wiesen in ein sat­tes Grün, mutiert der treue Vierbeiner zum pas­sio­nier­ten Pflanzenfresser. Mit hin­ge­bungs­vol­ler Akribie wer­den die zar­ten, hell­grü­nen Spitzen des fri­schen Grases selek­tiert und abge­zupft. Viele Halter fra­gen sich: Warum frisst mein Hund Gras – und wes­halb beson­ders jetzt? Die Antwort ist viel­schich­tig und reicht von natür­li­chen Instinkten über Verdauungsbedürfnisse bis zu sai­so­na­len Veränderungen in der Natur.

Ein Erbe der Ahnen
Entgegen der weit­läu­fi­gen Meinung, Hunde sei­en rei­ne Fleischfresser, ord­net die Wissenschaft sie heu­te eher als „fakul­ta­ti­ve Karnivoren“ ein. Das bedeu­tet, dass ihr Speiseplan von Natur aus auch pflanz­li­che Bestandteile vor­sieht. Ein Blick auf die wil­den Vorfahren, die Wölfe, lie­fert die Erklärung: Diese fres­sen ihre Beutetiere oft mit­samt dem Mageninhalt – und der besteht bei Pflanzenfressern wie Rehen oder Hasen nun mal aus vor­ver­dau­tem Gras und Kräutern. Auch neh­men sie regel­mä­ßig Pflanzenmaterial auf – nicht als Hauptnahrung, son­dern als Ergänzung. Die jun­gen Triebe im Frühjahr sind beson­ders leicht ver­dau­lich und lie­fern Ballaststoffe, die den Magen-Darm-Trakt unter­stüt­zen. Das Fressen von Gras ist kein Zeichen von „Fehlverhalten“, son­dern tief in der DNA unse­rer Hunde verwurzelt.

Warum gera­de die fri­schen Spitzen?
Dass Hunde im Frühjahr und im Frühsommer beson­ders inten­siv gra­sen, hat einen simp­len, fast schon kuli­na­ri­schen Grund: Die Qualität stimmt. Das jun­ge Gras ist in die­ser Zeit beson­ders saf­tig, weich und ent­hält eine höhe­re Konzentration an natür­li­chem Zucker. Während das alte, stro­hi­ge Gras des Winters eher zäh und geschmack­los ist, wir­ken die fri­schen Triebe wie ein kna­cki­ger Frühlingssalat. Zudem ist der Feuchtigkeitsgehalt im jun­gen Grün beson­ders hoch, was für vie­le Hunde eine will­kom­me­ne Erfrischung darstellt.

Ballaststoffe und die „Darm-Besen“-Theorie
Hund der Gras frisstHunde nut­zen Gras oft als natür­li­chen Regulator für ihre Verdauung. Die unver­dau­li­chen Zellulosefasern wir­ken im Darm wie ein Besen, der die Darmpassage anregt und bei der Reinigung hilft. Beobachtet man, dass ein Hund das Gras sehr gie­rig ver­schlingt und danach erbricht, die­nen wei­che Frühlingshalme meist als mecha­ni­scher Auslöser. Die Halme kit­zeln die Schleimhaut in Rachen und Magen, was hilft, Fremdkörper, zu viel Magensäure oder unver­dau­li­che Haare los­zu­wer­den. Dennoch: Die Mehrheit der Hunde frisst Gras ein­fach des­halb, weil es ihnen schmeckt – ohne danach erbre­chen zu müssen.

Wann wird das Grasen gefährlich?
Auch wenn das „Grastun“ in den meis­ten Fällen voll­kom­men harm­los ist, soll­ten Besitzer wach­sam sein. Die größ­te Gefahr geht nicht vom Gras selbst aus, son­dern von dem, was dar­auf las­tet. Frisch gedüng­te Wiesen sind tabu. Auch lie­ben Hunde oft die Spitzen der noch klei­nen Getreidepflanzen. Hier ist beson­de­re Vorsicht gebo­ten, denn sie wer­den im Herbst sowie im Frühjahr mit Pestiziden und Herbiziden gespritzt. Dadurch kön­nen Hautausschläge, Übelkeit und Erbrechen, Augenreizungen und Atemwegsprobleme ent­ste­hen. Ein wei­te­res Risiko im Frühling sind Lungenwürmer, deren Zwischenwirte (Schnecken) oft an den Halmen kle­ben und ver­se­hent­lich mit­ge­fres­sen werden.

In den meis­ten Fällen ist Grasfressen harm­los. Doch wenn das Verhalten umschlägt oder von wei­te­ren Symptomen beglei­tet wird, könn­te eine ernst­haf­te orga­ni­sche Ursache (wie Gastritis, Bauchspeicheldrüsenentzündung oder Parasiten) dahin­ter­ste­cken. Alarmzeichen, dass mög­li­cher­wei­se etwas nicht stimmt, sind unter anderem:

  • Hektik und Gier: Der Hund frisst das Gras nicht genüss­lich, son­dern wirkt panisch, gestresst und schlingt gro­ße Mengen unzer­kaut herunter.
  • Dauererbrechen: Der Hund erbricht nach jedem Grasen oder zeigt mehr­fa­ches Erbrechen über den Tag ver­teilt (beson­ders bei gel­bem Schleim oder wei­ßem Schaum).
  • Blut-Alarm: Sie ent­de­cken Blut im Erbrochenen oder im Kot (hell­rot oder teerar­tig schwarz).
  • Appetitlosigkeit: Der Hund bevor­zugt Gras gegen­über sei­nem nor­ma­len Futter oder ver­wei­gert die Nahrungsaufnahme komplett.
  • Verändertes Allgemeinbefinden: Der Vierbeiner wirkt schlapp (Lethargie), zit­tert, hechelt stark oder zeigt eine gekrümm­te Körperhaltung (Bauchschmerzen).
  • Verdauungsstopp: Der Hund ver­sucht Kot abzu­set­zen, aber es kommt nichts – oder er lei­det unter anhal­ten­dem, wäss­ri­gem Durchfall.
  • Fremdkörper: Sie sehen einen Grashalm aus dem After ragen. Wichtig: Niemals dar­an zie­hen! Das kann zu Schnittverletzungen im Darm füh­ren. Lassen Sie dies vom Tierarzt entfernen.

Tipp: Wenn Sie zum Tierarzt gehen, neh­men Sie am bes­ten direkt eine Kotprobe mit. So kann schnell auf Parasiten wie Lungenwürmer oder Giardien getes­tet werden.

Solange der Hund ent­spannt wählt, kei­ne Anzeichen von Schmerzen zeigt und das Grasen nicht in einen zwang­haf­ten Exzess aus­ar­tet, darf er sein grü­nes Gourmet-Buffet in vol­len Zügen genie­ßen. Es ist schlicht­weg die hün­di­sche Art, den Frühling und den Frühsommer gebüh­rend zu begrü­ßen. [SR)

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