Viele Hunde kopie­ren mensch­li­che Handlungen, die zum Erreichen ihrer Ziele eigent­lich irrele­vant sind. Am Wiener Messerli Forschungsinstitut wird die­se Überimitation in zahl­rei­chen Experimenten getes­tet. Messerli-Forscherin Shany Dror konn­te kürz­lich zei­gen, dass man­che Hunde Wörter nur durch Zuhören von Gesprächen ler­nen kön­nen – ähn­lich wie Kleinkinder.

Wien. Die Verbindung zwi­schen Menschen und Hunden ist ein­zig­ar­tig. Seit Zehntausenden Jahren inter­agie­ren sie, ergän­zen und hel­fen ein­an­der. Kaum ein Tier ist bes­ser dar­in, Menschen zu ver­ste­hen, ihre Handlungen zu inter­pre­tie­ren und von ihnen zu ler­nen. Ein wich­ti­ger Mechanismus hin­ter die­sen Fähigkeiten ist die soge­nann­te Überimitation. Ähnlich wie Kinder imi­tie­ren Hunde dabei mensch­li­che Verhaltensweisen, die ihnen unmit­tel­bar kei­nen Nutzen brin­gen – vom schein­ba­ren Mitsingen beim Musizieren bis zum Maulaufreißen, wenn der Mensch gähnt.

Während die kom­ple­xen Aspekte der Überimitation bei Kindern aber bereits gut unter­sucht sind, wird das Phänomen bei Hunden erst seit ver­gleichs­wei­se kur­zer Zeit sys­te­ma­tisch erforscht. Ein Pionier in die­sem Bereich ist das Clever Dog Lab des Messerli Forschungsinstituts für Mensch-Tier-Beziehung, einer gemein­sa­men Einrichtung der Universität Wien und der Vetmeduni Vienna. Im aktu­el­len Projekt „Überimitation bei Hunden“, das vom Wissenschaftsfonds FWF geför­dert wird, arbei­ten die Forscher dar­an, zen­tra­le Hypothesen der bis­he­ri­gen Forschung expe­ri­men­tell zu über­prü­fen. Projektmitarbeiterin Shany Dror konn­te par­al­lel dazu kürz­lich in einer Publikation im Fachjournal Science zei­gen, dass die Lernfähigkeiten man­cher Hunde noch viel weit­rei­chen­der sind als bis­her gedacht.

Tiere, Menschen und Kultur
Hunde lernen vom MenschenDie Frage nach der Überimitation hat einen viel­schich­ti­gen Hintergrund. Sie führt weit über die Verhaltensforschung hin­aus und berührt Grundfragen von Kultur und sozia­lem Lernen. „Bei Kindern wird das Nachahmen von Handlungen, die nicht rele­vant zum Erreichen eines Ziels sind, oft in einem kul­tu­rel­len Kontext gese­hen: Es sind Versuche, gesell­schaft­li­chen Regeln zu fol­gen, auch wenn man die­se nicht ver­steht. Fraglos hat die Technik der Überimitation gehol­fen, die kom­ple­xe mensch­li­che Kultur her­vor­zu­brin­gen“, skiz­ziert Shany Dror, die gemein­sam mit Ludwig Huber, Leiter des FWF-Projekts, und wei­te­ren Kollegen forscht. „In Zusammenhang mit Hunden ist das inter­es­sant, weil oft davon aus­ge­gan­gen wird, dass die Kultur der Menschen ein Faktor ist, der sie von Tieren unterscheidet.“

Bei ande­ren Tieren – inklu­si­ve Menschenaffen – konn­te bis­her kei­ne Überimitation belegt wer­den. Hunde, die sich im Zuge ihrer lan­ge wäh­ren­den Domestikation im sel­ben Umfeld ent­wi­ckel­ten wie Menschen, sind die bis­lang ein­zi­ge Tierspezies, bei der die­se Fähigkeit nach­ge­wie­sen ist. „Wahrscheinlich konn­ten sich jene Hunde, die die Kommunikation der Menschen am bes­ten ver­stan­den und sich am bes­ten in ihre Gemeinschaft ein­füg­ten, am häu­figs­ten fort­pflan­zen“, erklärt Dror. „Hunde unter­la­gen damit einem ähn­li­chen evo­lu­tio­nä­ren Druck wie Menschen – ein Aspekt, der das Sozialverhalten der Tiere für die Forschung beson­ders inter­es­sant macht.“

(K)eine Frage der Beziehung
Im Zuge des Projekts gehen Dror und ihre Kollegen drei kon­kre­ten Fragestellungen nach. Die ers­te davon betrifft das Verhältnis der Tiere zu ihren Besitzern: Beeinflusst die Beziehungsqualität die Tendenz zur Überimitation? Eine Studie von Drors Kollegin Karoline Gerwisch, die das Verhalten der Tiere in ihrem Umfeld im Zuhause ihrer Besitzer unter­such­te, brach­te hier bereits über­ra­schen­de Einsichten. Sie zeig­te, dass Assistenzhunde, die laut der Erhebung eine enge­re Bindung an ihre Bezugsperson haben, kei­ne signi­fi­kant höhe­re Überimitation an den Tag legen als Familienhunde. Tendenziell war ihre Neigung zur Überimitation sogar gerin­ger – das könn­te mit dem spe­zi­el­len Training der Hunde zusammenhängen.

Dror selbst ver­sucht den Einfluss der Bindung zu Frauchen oder Herrchen auf eine ganz ande­re Weise zu ergrün­den. Sie fokus­siert auf das Hormon Oxytocin, das – bei Hunden wie bei Menschen – sozia­le Bindungen beein­flusst. „In mei­ner Studie tes­te ich, ob ein höhe­res Niveau von Oxytocin in Hunden, das übli­cher­wei­se die Aufmerksamkeit für sozia­le Signale erhöht, auch die Tendenz zur Überimitation för­dert“, schil­dert Dror. Die Ergebnisse sol­len einen wei­te­ren wich­ti­gen Hinweis auf die Rolle der Mensch-Tier-Beziehung bei die­ser Verhaltensweise geben.

Alles nur ein Missverständnis?
Ein wei­te­rer Fragenkomplex im Projekt setzt sich mit der Motivation für die Überimitation aus­ein­an­der. Verstehen Hunde, dass sie Handlungen der Überimitation gar nicht aus­füh­ren müss­ten, um ihre Ziele zu errei­chen? Oder unter­lie­gen sie einem Missverständnis und wis­sen gar nicht, dass ihr Verhalten kei­nen funk­tio­na­len Nutzen bringt? Die Forschungsstrategie hier ist, Nachahmungsaufgaben zu fin­den, die nicht nur irrele­vant sind, son­dern den Tieren die­se Irrelevanz gleich­zei­tig vor Augen füh­ren. Der Mensch kann bei­spiels­wei­se eine offen­sicht­lich unnö­ti­ge Geste vor­zei­gen, um ein Leckerli in einer Box zu errei­chen – wird sie der Hund kopieren?

Schlussendlich wird noch die Frage unter­sucht, ob Überimitation nicht nur mit der Evolution und Domestikation, son­dern auch mit der indi­vi­du­el­len Entwicklung und Sozialisation der Tiere zusam­men­hängt. In den Experimenten wird einer­seits mit Welpen gear­bei­tet, um ihr Verhalten mit erwach­se­nen Tieren zu ver­glei­chen. Andererseits steht der Vergleich zwi­schen Hunden und Wölfen im Vordergrund. „Obwohl sie gene­tisch betrach­tet eng ver­wandt sind, zei­gen sich im Verhalten von Hunden und Wölfen enor­me Unterschiede, die Aufschluss über die Entwicklung der Überimitation geben könn­ten“, sagt Dror. „Auch wenn die Arbeit mit den Wölfen her­aus­for­dernd ist, hof­fen wir den­noch, belast­ba­re Ergebnisse gewin­nen zu können.“

Die erstaun­li­chen Fähigkeiten der Hunde-Genies
Hund mit seinem HundespielzeugIn ihrer Dissertation an der Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest arbei­te­te Shany Dror bereits mit einer sehr raren Gruppe an Hunden, die beson­de­re Fähigkeiten mit­brin­gen: den soge­nann­ten Giftet Word Learner Dogs, die beim Erlernen von Namen für Gegenstände extrem talen­tiert sind. Bekannt ist, dass sie etwa durch Interaktion mit ihren Eigentümern Hunderte Objektbezeichnungen memo­rie­ren kön­nen. Nun konn­te Dror mit Kollegen an der ELTE in einer Publikation im Fachjournal Science eine viel beach­te­te neue Erkenntnis prä­sen­tie­ren. „Wir zei­gen, dass die­se Hunde neue Wörter auch dann ler­nen kön­nen, wenn sie dem Gespräch von zwei Personen zuhö­ren“, erklärt Dror. „Und nicht nur das: Dieser Lernprozess war auch eben­so gut und effek­tiv wie jener durch direk­te Interaktion.“

Die „begab­ten Wortlerner-Hunde“ legen damit erstaun­li­cher­wei­se Fähigkeiten an den Tag, die mit denen von 18 Monate alten Kleinkindern ver­gleich­bar sind. Doch die dahin­ter­lie­gen­den Mechanismen und kogni­ti­ven Fähigkeiten sind wahr­schein­lich unter­schied­lich, sagt Dror. „Ich den­ke, künf­ti­ge Forschungen wer­den Unterschiede dar­in fin­den, in wel­chem Ausmaß Kinder und Hunde die Perspektive der Beteiligten ein­neh­men und die dahin­ter­lie­gen­den men­ta­len Prozesse ver­ste­hen kön­nen.“ Dennoch: Je bes­ser Wissenschaftler wie Dror das Verhalten und die kogni­ti­ven Fähigkeiten von Hunden ergrün­den, des­to kla­rer wird, dass einst fix ange­nom­me­ne Grenzziehungen zwi­schen Mensch und Tier zuneh­mend ins Wanken geraten.

Über die Forschenden
Shany Dror ist Postdoc-Forscherin am Clever Dog Lab des Messerli-Forschungsinstituts für Mensch-Tier-Beziehung, einer inter­uni­ver­si­tä­ren Einrichtung der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni) sowie der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien. Ihr Doktorat absol­vier­te sie an der Abteilung für Verhaltensbiologie der Eötvös Loránd Universität (ELTE) in Budapest. Ihre Arbeit mit den raren Gifted Word Learner Dogs und die damit ver­bun­de­nen, live im Netz über­tra­ge­nen Experimente einer „Genius Dog Challenge“ erhiel­ten bereits welt­wei­te Medienaufmerksamkeit.

Ludwig Huber ist Professor für die natur­wis­sen­schaft­li­chen Grundlagen der Tierethik und der Mensch-Tier-Beziehung, Leiter der Abteilung für Vergleichende Kognitionsforschung am Messerli Forschungsinstitut, zu dem auch das Clever Dog Lab gehört, und der­zeit auch Leiter des über­ge­ord­ne­ten Departments für inter­dis­zi­pli­nä­re Lebenswissenschaften an der Vetmeduni Wien. Seine Forschung fokus­siert auf die Kognition von Tieren in einem brei­ten ver­glei­chen­den Ansatz. Das Projekt „Überimitation bei Hunden“ läuft von 2024 bis 2027 und wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 449.000 Euro gefördert.

Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF

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