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Eine Geschichte zum Trost

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Mein Hund ist uralt. Mit dem Gedanken dar­an, dass er viel­leicht schon bald ster­ben könn­te, schrieb ich mir selbst zum Trost die­se Geschichte.

A..Allmacht

Mein Hund Mato hat­te die Schnauze gestri­chen voll. Eigentlich schon seit Längerem. Genauer gesagt: schon seit cir­ca einem Jahr. Und zwar endgültig.

Seien Sie ein­mal ein Hund. Da gab es doch so durch­ge­knall­te Zweibeiner, die für sich in Anspruch nah­men, das abso­lu­te Nonplusultra der gesam­ten Schöpfung zu sein. Und von denen hat­te man sich sein gan­zes Leben lang vor­schrei­ben zu las­sen, was man bit­te schön zu tun bezie­hungs­wei­se (noch weit­aus öfter) bit­te schön gefäl­ligst zu unter­las­sen habe. Ununterbrochen wur­de also her­um­kom­man­diert, “Mato, pfui!“ … – “Mato, lässt du das wohl end­lich blei­ben?“ – “Mato, bist du eigent­lich bekloppt?“. Er gab es ja zu: Die letz­te­re für ihn pein­li­che Art der Nachfrage war des Öfteren in sei­nem Leben ja doch unbe­dingt ver­ständ­lich und auch ange­mes­sen gewe­sen. Und im Nachhinein gestand er sei­nen gelieb­ten Menschen sogar aus­ge­spro­chen viel Taktgefühl zu. Denn: So war er nur ange­brüllt wor­den, wenn er sich so gar nicht ban­ge aus­gie­bigst um Frauchens klei­nen Bio-Eimer in der Küche geküm­mert hat­te. Und lei­der dabei erwischt wor­den war. Ausschließlich dann hat­te er sich mit die­ser deut­li­chen Sorge um sei­nen „Geisteszustand“ kon­fron­tiert gesehen.

Aber, Pech für sie: Mato war nun ein­mal ein Drittel Kaiser von China und dem­entspre­chend statt­des­sen ein super klu­ger Hund. Und genau des­halb kei­nes­falls so däm­lich, auf die­se doch recht pro­vo­kan­te Frage wirk­lich aus­führ­lich zu ant­wor­ten. Mehr als “Wau!“ kam als Kommentar zu die­ser Frechheit nicht infra­ge. “Wau“ war zudem unver­fäng­lich, konn­te belie­big inter­pre­tiert wer­den. Deshalb mach­te Mato nur zu ger­ne bei jeder pas­sen­den und noch ‚ger­ner’ zu erstaun­lich vie­len unpas­sen­den Gelegenheiten davon Gebrauch. Aber immer­hin hat­te die­ser Herr Hund sich aus Liebe zu sei­nem Rudel, trotz “Chow-Chow-Seele“ (Eurasier war ja bloß Alibi!) meis­tens, häu­fi­ger, manch­mal …wenn er ehr­lich vor sich sel­ber war, aller­dings doch nur ab und an bis zu einem gewis­sen Grade, zu Kompromissen bereit erklärt, ging es ums Gehorchen. Doch das hat­ten die Zweibeiner sel­ber zu ver­ant­wor­ten, nicht er.

Die mit ihrer Züchterei. Wieso hat­ten sie ihm auch den Chow ange­hängt? Ideale Ausrede für mei­nen Hund, wenn er ´mal wie­der sei­ne Lauscherchen auf abso­lu­ten Durchzug stell­te. Eurasier Herr Mato Schumacher schritt zwar, was sein Outfit anging, in ele­gant-hoch­bei­ni­ger Teddymanier, zudem äußerst gut­mü­tig, jedoch inner­lich in genau­so arg zer­knautsch­ter Dickköpfigkeit ein­her. Äääääätsch!! Sein Rudel hat­te ja Glück gehabt. Er war ein extra sanf­tes Exemplar. Nie hat­te er die Notwendigkeit gese­hen, Frauchen oder deren Anhang durch kur­zes Anknurren zur Ordnung rufen zu müs­sen. Er hat­te sie sich bes­tens erzo­gen. Mit einem unaus­sprech­lich süßen Dackelblick.

Doch unter­des­sen war das Gefühl der Langeweile und des Überdrusses in ihm hoch­ge­stie­gen. Mittlerweile 15 ¼ Jahre alt, hat­te er wahr­lich lan­ge genug für sie den Wachhund und Beschützer gespielt. Postboten pflicht­ge­mäß zur Sau gemacht, frem­de Hunde vor der eige­nen Türe stimm­ge­wal­tig zusam­men gestaucht und die läs­ti­ge Katzenbevölkerung zu dezi­mie­ren ver­sucht. In dem Punkt hat­te er sein Frauchen nie ver­stan­den, dass die die­se Kratzbürsten auch noch gern hat­te. Seiner Meinung nach gaben die höchs­tens eine lecke­re Fleischmahlzeit ab. Wozu sonst soll­ten die­se Dinger denn gut sein?

Nicht nur als Beschützer und Rohrspatz vom Dienst war er mehr als Spitze gewe­sen. Nein, sie hat­ten von ihrem Hund zusätz­lich mög­lichst aus­ge­fal­le­ne Streiche erwar­tet, um dann zu einem spä­te­ren Zeitpunkt mit stolz­ge­schwell­ter Brust vor ihren Freunden und Bekannten anzu­ge­ben, wie pfif­fig doch ihr vier­bei­ni­ger Liebling wäre, dass er sol­ches fer­tig­ge­bracht hät­te. Auch in der Beziehung hat­te sich sein Frauchen stets voll und ganz auf ihn ver­las­sen kön­nen. Ja, er leb­te in der fes­ten Überzeugung, in sei­nem Stadtteil der Streiche-König unter den Vierbeinern zu sein. Allerdings sag­te er auch rund­weg, dass es dazu unter sei­nem mensch­li­chen Leittier kei­ner beson­de­ren Raffinesse brauch­te. Sein Frauchen zähl­te näm­lich zur extrem gut­mü­ti­gen Sorte. Die die Auffassung ver­trat, sich kei­nen Gehorsamsroboter her­an­zie­hen zu wol­len, son­dern statt­des­sen einen Hund mit stark aus­ge­präg­ter, eige­ner Persönlichkeit. Und das wie­der­um hieß für Mato: “Fast alles darf man bei der. Nur nicht bei­ßen!“ Das ‘fast alles’ hat­te er nach Eigeninterpretation die­ses tol­len Wortes (klang wie Musik in sei­nen Lauscherchen) fein gründ­lich aus­ge­baut. Wie er ohne­hin sein Leben lang in allem die Gründlichkeit in Person gewe­sen war. Und als immens wei­ser Hund sich erfolgs­si­che­re Methoden zunut­ze gemacht hat­te, um in den für ihn wegen sei­ner Fast-alles-Aktivitäten dann doch oft sehr kri­ti­schen Situationen sein Frauchen trotz­dem fest im Griff zu behal­ten. Das war wich­tig. Grundvoraussetzung der Fortsetzungsgeschichte ihrer alle nase­lang wider­sprüch­li­chen Liebe. Wie?

Kulleraugenblick, Kopf schief legen, Pfote geben, Schwänzchen wackeln. Wurde die Lage extrem brenz­lig, tausch­te er den Durchschnittskulleraugenblick gegen einen rou­ti­nier­ten Dackelblick aus. So betont lang­sam von unten nach ganz oben. Spätestens dann gehorch­te Frauchen wie­der umwer­fend gut. Und er war sei­ne Sorgen los.

Und selbst sei­ne drit­te, eigent­lich vor­ran­gigs­te Aufgabe hat­te er nach anfäng­li­chem Babysträuben mit wach­sen­der Begeisterung erfüllt. Firma Steiff brach­te ja schon dar­in äußerst tüch­ti­ge Stofftiere zur Welt. Doch, je älter Mato wur­de, umso enga­gier­ter wid­me­te auch er sich sei­nen Hausaufgaben im Fach „Schmusen“. Jedoch sorg­te er, sou­ve­rän wie er war, stets dafür, dass es aus­schließ­lich dann dazu kam, wenn es Herrn Hund genehm war. „Nee, Frauchen, nicht, wann Du willst. Wie wäre es mit einer vor­aus gehen­den Anfrage?“ Mato stell­te einen dies­be­züg­li­chen Sprechstundenplan auf. Und konn­te dann zu sei­ner größ­ten Zufriedenheit regis­trie­ren: Das war ja toll. Sein Rudel war doch wirk­lich äußerst lernwillig.

Doch eben­die­ses fast traum­haf­te Hundeleben ging ihm mitt­ler­wei­le gehö­rig auf den Keks. Wenn alle nach Ihrer Pfeife tan­zen, so fast gar kein Widerspruch erfolgt, nervt das. Und Mato nerv­te das so schlimm, dass er beschloss, sein Zuhause zu wech­seln. Altersgenossen hat­ten ihm gera­ten, vor­sichts­hal­ber frei­wil­lig in den Hundehimmel zu ent­fleu­chen, bevor er noch hin­ter­her aus­ge­stopft bei Frauchen im Wohnzimmer lan­de­te. Weil die ihn doch so lieb­te. Damit er nie mehr von ihrer Seite wiche. Das Nicht-mehr-von-der-Seite-Weichen aller­dings bedeu­te­te in Matos Vorstellung die reins­te Katastrophe. Wenn er dar­an dach­te, wie toll sei­ne ver­bo­te­nen Ausflüge ohne Leittier immer gewe­sen waren. Und dann das erhe­ben­de Gefühl, wie sehr sie jedes Mal um ihn gebib­bert hat­te. Ach ja, es war schön gewe­sen. Aber sein Entschluss stand fest. Es war an der Zeit, in himm­li­sche Pension zu gehen. Und er war sich sicher, dass jenes ande­re Leben, das ihn dort oben erwar­te­te, mit Sicherheit noch auf­re­gen­der wür­de. Wenn er nur an das in alle Ewigkeiten andau­ern­de Jubelwauwau dach­te. Apropos Ewigkeit: Was das wohl bedeu­te­te? Ob man Teile davon fres­sen könn­te? War bestimmt genug davon da.

Es war im Sommer. An einem beson­ders schö­nen Nachmittag. Die Sonne strahl­te nur so vom blau­en Himmel, die Vögelchen zwit­scher­ten ihr fröh­li­ches Lied. Mato spa­zier­te in den Garten in sei­ne Lieblingsecke, die sein gan­zes Leben lang sei­ne Lieblingsecke gewe­sen war. Direkt vor dem Gartenzaun, mit sei­nem Durchguck in prak­ti­scher Hundehöhe. Die alten Knochen woll­ten nicht mehr so rich­tig. Vorsichtig trip­pel­te er ein paar Mal auf der Stelle, bevor er sich dann lang­sam nie­der­leg­te. Aufseufzend vor Wonne schloss er sei­ne Augen, streck­te sich der Länge nach aus. In der Absicht, sich einem genüss­li­chen Mittagsschlaf hin­zu­ge­ben. Doch irgend­et­was kit­zel­te ihn. Er zuck­te mit dem Vorderlauf. Doch das Kitzeln dau­er­te an, mach­te ihn ner­vös, ver­hin­der­te ein ent­spann­tes Einschlafen. Er tram­pel­te ein wenig mit der Pfote über den Boden. Nutzte nichts. Stattdessen wur­de das Kribbeln inten­si­ver. Wut bemäch­tig­te sich sei­ner. Konnte er denn nie sei­ne Ruhe haben? Schließlich war er uralt und woll­te abschal­ten. Das reg­te ihn auf.

Er blin­zel­te ins Tageslicht. Sein Blick blieb auf sei­ner Vorderpfote haf­ten. Und dann war es um sei­ne für ihn typi­sche Gelassenheit gesche­hen. Was war das denn? So ein komi­sches Stöckchen. Es war doch gar nicht win­dig. Wieso aber husch­te das dann so quer über sein Bein? Und hat­te so vie­le Nebenstöckchen. Eigenartig. Er ver­such­te, das win­zi­ge Dingsbums mit der Nase anzu­stup­sen. Oh nein, was war denn mit dem plötz­lich los? Das wur­de ja immer leb­haf­ter!? Und dann kam ihm, welch ein Grauen, die Erleuchtung. Eine, auf die er ger­ne ver­zich­tet hät­te. Dieses inzwi­schen im 100 km-Tempo über sein Beinchen wuseln­des Etwas war gar kein Stöckchen. Das war leben­dig, gehör­te ein­deu­tig zur Gattung ‚Spinnchen’ und damit in die Nasenschublade ‚Horrorgeschöpf Nr. 1’. Da end­lich zeig­te sich, wenigs­tens in die­ser Hinsicht, die Harmonie zwi­schen Frauchen und Hund. Es war streng genom­men schwer aus­zu­ma­chen, wer eigent­lich vor die­sen Biestern mehr Angst hat­te. Nur war Hund natür­lich eines klar: Weiblichen Wesen gestand man das zu. Bei rich­ti­gen Frauen hat­te das so zu sein (alle ande­ren waren wahr­schein­lich im Grunde ihres Herzens Mannweiber!). Aber er als 56–58 cm-Schulterhöhe-Hündchen durf­te es sich wirk­lich nicht anmer­ken las­sen, dass er beim Anblick eines sol­chen Mikrogeschöpfes sich fast vor Bibern ins nicht vor­han­de­ne Höschen mach­te. Wo wäre dann sein Prestige geblie­ben? Im Bruchteil einer Sekunde ein­fach futsch! Und das wie­der­um wäre für ihn einer zwei­ten, dann weit­aus tra­gi­sche­ren Horrorvorstellung gleich gekom­men. Ein Eurasier wie er …und ohne sein über alles gehü­te­tes Prestige!

Doch der Versuch der so gear­te­ten Selbstdisziplinierung schei­ter­te. Hund hat­te zuneh­mend Bammel. Sein Herz klopf­te bis zum Halse. Sogar noch im Liegen wackel­ten ihm sämt­li­che vier Beine vor Furcht. Spinnchen ließ es augen­schein­lich kalt, wel­che Gefühle es in die­sem Riesentier aus­lös­te. Munter husch­te es fort­wäh­rend sei­ne sämt­li­chen Beine rauf und run­ter. Auch ein paar Schnappversuche blie­ben erfolg­los. Er schaff­te es ein­fach nicht, den Plagegeist los­zu­wer­den. Seine Panik stei­ger­te sich schier ins Grenzenlose. Was geschä­he, wenn die jetzt ein Riesennetz pro­du­zier­te, um ihn dann mit dem sel­bi­gen kunst­ge­recht zu einem Leckerbissenvorratspaket zu ver­schnü­ren? Die hecheln­de Aufregung in der Mittagshitze mach­te ihn fer­tig. Nach ein paar Minuten war er so grog­gy, dass er frus­triert den Scheinkampf Hund-Spinnchen auf und sich in sein Schicksal ergab. Sein letz­ter Gedanke, sei­ne letz­te Hoffnung war es, dass die­ses Ungetüm sich wenigs­tens an ihm den Magen so gründ­lich wie mög­lich ver­der­ben soll­te. Das wür­de sei­ne post­mor­ta­le Rache sein. Die Anstrengungen wegen ‚Krabbel’ waren zu viel für den alten Hund. Kraftlos ließ er sei­nen Kopf wie­der zurück ins Gras sin­ken und schlief auf­seuf­zend ein. Es soll­te der längs­te Mittagsschlaf sei­nes Lebens wer­den. Ein Mittagsschlaf, aus dem er nie wie­der erwachte.

Zunächst bemerk­te sein mensch­li­ches Rudel es nicht. Sie gin­gen davon aus, dass er stun­den­lang vor sich hin träum­te. Selbst sein klei­ner, vier­bei­ni­ger Freund ahn­te noch nichts. Noch nicht, obwohl Tiere unter­ein­an­der es sehr schnell spür­ten, wenn ein Artgenosse sich auf die aller­letz­te, lan­ge Reise begab. Erst nach Stunden, als ‚Abendessen für Wauwaus’ ange­sagt war, da kam ihnen allen das komisch vor. Sicher, Matos Gehör war nicht mehr das bes­te. Häufig brauch­te es ein zehn­ma­li­ges Rufen, ehe er dann end­lich antrab­te. Früher, in sei­nen jun­gen Tagen, war er immer­hin schon nach dem fünf­ten Kommando gnä­digst erschie­nen. So nach dem Motto: “Na ja, ich guck ‘mal, was ihr treibt!“.

Die Trauer war schreck­lich, als sie merk­ten, was los war. Auch Quinny war nicht zu beru­hi­gen. Sein bes­ter Freund hat­te ihn ver­las­sen. Seine Hundewelt war total in Unordnung gera­ten. Stundenlang win­sel­te er ver­zwei­felt vor sich hin.

Sie alle hat­ten ja kei­ne Ahnung. Hätten sie es gewusst, wäre die Trauer in Freude umge­schla­gen. Denn Matos klei­ne Hundeseele war glück­lich. Nichts fiel ihr mehr auf die Nerven. Da war nur noch Friede und Freude um sie her. Keine Mäuse, kei­ne Fasane, kei­ne Katzen, kei­ne frem­den Rüden und vor allem kei­ne fre­chen klei­nen Spinnchen mach­ten ihm län­ger sein Hundeleben zur Hölle. Sorgten nicht mehr für eigent­lich total unnö­ti­ge Aufregungen. Nein, feder­leicht fühl­te sich sei­ne Seele, befreit von allem irdi­schen Ballast. Und dem­entspre­chend leicht und unbe­küm­mer­ten Gemütes ver­ab­schie­de­te sie sich aus ihrem mehr als 15-jäh­ri­gen Zuhause und schweb­te dann frei durch die Luft, “Danke für alles!“, flüs­ter­te sie mit einem weh­mü­ti­gen Blick zurück, “Ich wer­de immer um euch sein!“.

Als Geisthündchen in Mato-Gestalt stieg sie auf. Geführt auf die­sem rich­tung­wei­sen­den Wege vom Schutzengel Franziskus, der sich unbe­merkt ihr zuge­sellt hat­te, “Komm, nur kei­ne Angst! Du warst dein Leben lang stets ein bra­ver Hund. Dir ist ein Platz im Himmel sicher!“. Sie stie­gen höher und höher, durch die Wolkendecke hin­durch, die sich zwi­schen­zeit­lich ver­dich­tet hat­te, ver­lie­ßen die Erde und schweb­ten schwe­re­los wei­ter und wei­ter in den Weltenraum hin­ein. Mato wuss­te es nicht abzu­schät­zen, wie lan­ge ihr Flug andau­er­te. Noch nicht ein­mal eine Richtung hät­te er ange­ben kön­nen. Im All gibt es ja bekannt­lich kein Oben und Unten, kein Rechts und Links. Trotz der Dunkelheit emp­fand er mit Franziskus an sei­ner Seite kei­ne Furcht. Ruhig und gelas­sen schweb­te er durch die end­lo­se Stille. „Wann sind wir da?“, erkun­dig­te er sich bei Franziskus. Mit einem Lächeln erwi­der­te der Engel: “Das, was Dir irr­sin­nig lang erscheint, ist nur ein win­zi­ger Teil der Ewigkeit”. Und, auf Matos ver­ständ­nis­lo­sen Blick hin: „Wir haben gleich unser Ziel erreicht. Schließe für einen Moment Deine Augen, und öff­ne sie erst wie­der, wenn ich es Dir sage. Hab‘ Vertrauen“.

Darauf hin­zu­wei­sen, war unnö­tig. Mato hat­te Franziskus auf Anhieb gut lei­den kön­nen. Kein Wunder, da der doch so lieb zu Tieren war. Hund schloss die Augen und war­te­te. Jede Sekunde erschien ihm unend­lich lang. So wie er sich eben eine Sekunde des Ewigdings vor­stell­te. Doch da flüs­ter­te ihm auch schon sein Begleiter die Zauberworte ins Ohr: “Das Eingangstor zum Hundehimmel!“ Aufgeregt und vor Neugierde fast zit­ternd ris­kier­te Mato einen schüch­ter­nen Blick. Riss die Augen auf. Oh, so etwas Schönes und Verlockendes war ihm doch noch nie begeg­net. Da stand, oh Wunder, mit­ten in der Unendlichkeit des Weltenraumes ein rie­si­ges, halb­run­des grü­nes Tor. Grün wie sat­tes Gras war es. Wie das Gras auf der Wiese in sei­nem ehe­ma­li­gen Revier. Dunkel kam die Erinnerung dar­an zurück … und in dem Moment auch an sein gelieb­tes Frauchen. Was sie jetzt wohl mach­te? Ob sie sei­net­we­gen, weil er sie ver­las­sen hat­te, noch wein­te? Schnell ver­dräng­te er die­sen Gedanken. Sonst wäre er womög­lich auch selbst noch trau­rig gewor­den. Und dafür ist der Hundehimmel wahr­lich nicht der rich­ti­ge Ort.

Er schnup­per­te. Woran erin­ner­te ihn bloß die­ser äußerst ange­neh­me Geruch, der ihm da in die Nase stieg? Würden hier etwa auch Leckerchen spen­diert? Das müss­te doch raus­zu­be­kom­men sein. Es war­te­te eine Wahnsinnsüberraschung auf ihn. Irre, das roch ja wie Royal canin, Eukanuba, Pedigree Pal und Chappi zusam­men. Sein Blick streif­te noch­mals das grü­ne Tor. Da sah er es. Sah es und moch­te es vor Glück kaum glau­ben. Rings her­um wuch­sen Schweineohren, Ochsenziemer, Kaustangen und sogar auch die ganz dicken Kauknochen, die er stets in den Schaufenstern der Zoogeschäfte so sehr bewun­dert hat­te. Und am Tor selbst kleb­ten Hundeschokoladensmarties. Ganz vie­le, denn im Himmel hier leb­ten all die bra­ven Hunde der gan­zen Welt, die wie auch Mato auf Erden ihre Pflichten mehr als nur gut erfüllt hat­ten. Und das Tollste an der gan­zen Geschichte: Stibitzte ein Hund sich einen Leckerbissen, so wuchs an der Stelle direkt ein neu­er nach.

Und jetzt? Was käme jetzt? Sein neu­er Freund ließ ihn zap­peln, ver­riet ihm nichts. Stattdessen pflück­te der einen Kauknochen, der in der Nähe des Tores wuchs und klopf­te ener­gisch gegen die Tür. Mato schrak ja doch ein wenig zusam­men. Denn der Kauknochen mach­te einen ziem­lich dol­len Lärm, wie er da gegen das Tor bul­ler­te. Unwillkürlich kam ihm der Gedanke an Frauchen. Daran, wie sie immer reagiert hat­te, wenn er in der Mittagszeit im Garten gebellt hat­te. Da war sie meis­tens ziem­lich sau­er gewe­sen. “Wir haben Mittagszeit, Mato“, hat­te sie geme­ckert und ihn schleu­nigst ins Haus geholt. In Erinnerung dar­an wand­te sich Hund an sei­nen Begleiter. Allerdings noch ein wenig unsi­cher, denn das hier war schließ­lich nicht sein eige­nes Revier. Bis dato war er ein Fremder. Hatte sich des­halb mit hef­ti­gen Argumenten gefäl­ligst zurück­zu­hal­ten: „D…duu, n..nicht so ´n Krach machen. Wir haben doch Mittagszeit!“. Doch anschei­nend ver­stand sich auch Franziskus auf “tau­be Ohren“. Nach dem drit­ten “Bumm“ öff­ne­te sich end­lich das Tor. Mit einem lau­ten Knarren. „Ist ja auch schon fast eine Unendlichkeit an Jahren alt!“, schoss es Hund durch den Kopf.

Ein ver­schla­fen sie anblin­zeln­der Zweibeiner mit einem lan­gen, wei­ßen Bart stand da vor ihm. Bei des­sen Anblick ver­si­cher­te sich Mato ins­ge­heim: „Ich hab‘ ja drauf hin­ge­wie­sen, dass wir Mittagszeit haben!!“. “Hallo, Franziskus!“, begrüß­te jener Zweibeiner aber Widererwarten freund­lich Matos Begleiter, “Wen bringst Du mir denn da?“. “Guten Tag, Petrus“, erwi­der­te Franizskus, “Das ist Mato Schumacher, ein ganz beson­ders lie­ber Hund!“. “Na, Mato, dann zeig mir ´mal Deine Papiere. Ohne die kann ich Dich näm­lich nicht hier reinlassen.“

„P…Papiere?“ stot­ter­te Hund ver­zwei­felt. Oh je, hät­te er doch sei­nen Impfausweis mit­ge­nom­men. Da stand wenigs­tens sein Name drin. Und auch sogar sein Geburtsdatum. Vom lie­ben Gott konn­te er doch wahr­haf­tig nicht erwar­ten, dass der sich sei­ne Informationen per Schnüffelei an sei­nem natür­li­chen Pass ein­hol­te. Das wäre doch selbst vom lie­ben Gott zu viel der Liebe ver­langt gewe­sen. Denn der war doch auch nur ein Zweibeiner. Und die taten so was nicht. Ratlos und Hilfe suchend, sah er zu Franziskus. „Alles in Ordnung, Mato.“, mein­te der beschwich­ti­gend und kram­te aus den Falten sei­ner himm­li­schen Kutte ganz viel Raschelzeug mit furcht­bar viel Schwarz drauf. Hund staun­te Bauklötze. Vor lau­ter Überraschung mach­te er ein­mal laut “Wuff“. Obwohl er doch eigent­lich kei­nen Lärm machen woll­te. Doch beru­hig­te er sein Gewissen damit, Petrus wäre jetzt ohne­hin wach. Also, was soll­te es. “Wuff“ war schon fast rich­tig. Noch zutref­fen­der wäre, gewe­sen ‚Wauwau’. Denn das stand in den vie­len Papieren, die Franziskus in der Hand hielt. Dass Mato zu den Hunden zähl­te, sogar zu denen mit blau­em Blut. Na ja, sei­nes war ja streng genom­men nur pseu­do­b­lau. Seine Mama als eman­zi­pier­te Hündin hat­te sich wider des Vorschlages des Züchters anders ent­schie­den und ihre Zuneigung wahr­schein­lich einem Chow-Chow geschenkt. Aber so ganz detail­liert war Mato dar­über nie auf­ge­klärt wor­den. Ihre Liebesgeheimnisse hat­te sei­ne Mama ihm nicht anvertraut.

Hunds Selbstbewusstsein wuchs enorm fix, als er auf den Riesenpacken die­ser Rascheldinger mit über­all Schwarz drauf schiel­te. Bei so viel Schwarz, mach­te er sich selbst Mut, dürf­te eigent­lich sei­ner Aufnahme in die hün­di­sche Seligkeit nichts im Wege ste­hen. Was da wohl alles drauf stand? Zu ger­ne hät­te er per Nase ein wenig dar­in her­um­ge­wühlt. Vielleicht erzähl­te ihm dann das Schwarz, wer eigent­lich wirk­lich sein Papa war? Doch das ziem­te sich für einen Hund aus gutem Hause ja nun gar nicht. Auch nicht für einen aus halb­gu­tem Hause. Zumindest das hat­te sei­ne Mama ihm schon in Babytagen bei­gebracht! Tüchtige Mama. Mato ein bra­ver Sohn. Er gedach­te sei­ner Erziehung und ließ es bleiben.

“Der Herr kommt sofort!“, kün­dig­te Petrus mit andäch­ti­ger Stimme an. “Gelobt sei Gott!“, kam genau­so andäch­tig die promp­te Antwort von Franziskus. Mato sag­te gar nichts dazu. Ihn beschäf­tig­te ein ihn mords­mä­ßig inter­es­sie­ren­der Gedanke: “Wurde der lie­be Gott etwa auch jedes Mal gelobt, wenn er kam? Und beson­ders, wenn er sofort kam? Hat Frauchen mit mir ja auch gemacht, wenn ich in Ausnahmefällen Ausversehen sofort gehorcht habe!“, brum­mel­te er lei­se vor sich hin. Doch sei­ne Überlegung ging noch wei­ter: “Ob der dann zur Belohnung eben­falls hin­ter sei­nen himm­li­schen Ohren gekrault wird?“ Er zog den sicher­lich nicht ganz fal­schen Schluss, dass dann der Bart des­sen Jüngers Nr. 1 den lie­ben Heiland dabei ganz beträcht­lich im Nacken kit­zeln wür­de. So wie ihn frü­her dann manch­mal Frauchens Haare.

“Es kann noch einen Moment dau­ern“, mein­te Petrus, „Setzt Euch doch hier­hin. Macht es Euch gemüt­lich.“ Mato sah sich um. Klasse, über­all Hundeluxuskörbchen in jeg­li­cher Größe. Wie zu Hause aus­ge­stat­tet mit irre wei­chen Decken und Kopfkissen. Wahnsinn! Bei dem Anblick fühl­te er sich gleich hei­misch. Und so tol­le Bezüge waren dar­auf. Nach kur­zem Zögern hat­te er sei­ne Wahl getrof­fen. Wie prak­tisch – er ließ sich voll des hämi­schen Genusses auf ein Oberbett mit ganz vie­len miau­en­den Kratzbürsten plump­sen. Endlich hät­te er so die Gelegenheit, mög­lichst vie­le von denen auf ein­mal platt zu machen. “Ja“, erklär­te da gera­de der Petrus dem Franziskus, “da gibt es ein Sorgenkind. Der Herrgott muss sich noch ein paar Minuten mit einer Riesendogge aus­ein­an­der set­zen. Die hat doch tat­säch­lich ohne trif­ti­gen Grund ihren Besitzer gebis­sen.“ Mato spitz­te sei­ne Lauscherchen. Was er da ver­nom­men hat­te, jag­te ihm einen Schauer der Empörung übers Fell. Ihm sträub­ten sich die Nackenhaare. “W… was hat die..?“, stam­mel­te er, “und die ist auch hier oben?“. Sein Gerechtigkeitsempfinden erlitt einen gehö­ri­gen Schock. Schließlich war “Beißen“ eine Todsünde. Was hat­te dies Vieh dann um Himmelswillen hier oben zu suchen? Und mit der soll­te er sich womög­lich bis in alle Ewigkeit (ihm war immer noch nicht klar, was das eigent­lich war!?) den Hundehimmel tei­len? “Ich habe ja schon eine SMS zur Vorhölle geschickt, damit sie abge­holt wird“, ver­such­te Petrus ihn zu besänf­ti­gen. “Vorhölle?“, japs­te Mato knur­rend nach himm­li­scher Luft. Er fass­te es ein­fach nicht. Seiner Meinung nach gehör­te ein sol­ches, über den Rest der Hundewelt Schande brin­gen­des Exemplar für alle Ewigdingsbums auf die höl­li­sche Mistgabel auf­ge­spießt. Und nichts ande­res kam da in Frage.

Petrus hat­te das nicht ganz unzu­tref­fen­de Gefühl, eine detail­lier­te­re Schilderung der Sachlage abge­ben zu müs­sen, woll­te er sei­nen Herrn und Meister nicht mit dem Ruf eines unge­rech­ten Schöpfers im Regen ste­hen las­sen. “Sie bekommt mil­dern­de Umstände“, hub er an. “Auuch daaas noch!“, schnaub­te Mato dazu. Sehr viel mehr ließ das ihn mitt­ler­wei­le läh­men­de Entsetzen dar­über, was er hier zu hören bekam, ein­fach nicht zu. “Ja, es ist näm­lich so: Sie hat­te ein klap­per­dür­res Herrchen. Und da hat sie wohl bedingt durch einen Sonnenstich an einem Hochsommertag geglaubt, sie hät­te da ein in sei­ner Größe für sie pas­sen­des Superleckerchen vor ihrer Nase. In Bezug auf jenen tra­gi­schen Moment ist sie ein­deu­tig als da unzu­rech­nungs­fä­hig ein­zu­stu­fen.“ “Tolle Rechtsprechung,” sag­te sich Mato, “ist ja fast wie auf Erden. Da wur­den ja auch am lau­fen­den Band so der­ma­ßen maka­bre Urteile gefällt.“

Wenn er bloß dar­über nach­dach­te, dass da Zweibeiner, die Menschenwelpen abge­murkst hat­ten, tat­säch­lich noch in teu­ren Menschenkrankenhäusern mit Samtpfoten umsorgt wur­den, damit die­se armen Individuen spä­ter nach ihrer Entlassung neue Kraft hat­ten, um ihr Treiben mit ver­mehr­ter Energie fort­set­zen zu kön­nen …! Bei die­sem Gedanken grum­mel­te es deut­lich in sei­ner Magengrube. Doch bre­chen täte er derent­we­gen nicht. Das waren die nicht wert!

Petrus ver­schwand. Wahrscheinlich, um Missis Dogge ein­zu­fan­gen. Die unter Garantie noch die Frechheit besaß, den Versuch zu unter­neh­men, sich vor dem ihr bevor­ste­hen­den Abtransport in Richtung Hölle noch ein letz­tes Mal den Bauch mit geklau­ten, himm­li­schen Schweineohren voll­zu­schla­gen. Dreist, wie die war, schnapp­te die sich natür­lich dann skru­pel­los nicht nur eines, son­dern bestimmt drei gleich­zei­tig. “Hoffentlich, hof­fent­lich“, so stöhn­te Mato bei die­ser für ihn grau­en­haf­ten Vorstellung, “ver­wan­delt sich die­ses extra lecke­re Hundeschluckerzeug dann in bru­talst ein­schla­gen­de Beruhigungsspritzen! Dann ist die wenigs­tens außer Gefecht gesetzt.“ So ver­arz­te­ten doch immer die Menschen ihre Artgenossen, falls die sich in ähn­li­cher Weise so maß­los unver­schämt dane­ben­be­nom­men hat­ten. Schon erschien Petrus wie­der auf der Bildfläche. Machte einen sicht­lich zufrie­de­nen Eindruck: “Entwarnung! Das Biest sind wir los. Der Oberwachtteufel Satanus hat sie gera­de abge­holt. Je nach­dem, ob und wie vie­le Teufel sie dort beißt, kann sie nach ange­mes­se­ner Aufenthaltsdauer dort noch­mals um Himmelsasyl anfra­gen. Also: Friede den Menschen auf Erden. Und Friede, Freude, Eierkuchen erst recht hier im Himmel!“

Mato, völ­lig erle­digt ob die­ser Eröffnung, inves­tier­te kei­ner­lei Mühe, über die­sen letz­te­ren Ausspruch des hei­li­gen Mannes da vor ihm noch wei­ter nach­zu­sin­nen. Wann käme denn nun end­lich der Herrgott? War der etwa genau­so solch eine lah­me Flasche wie man­che Zweibeiner?

Gott spann­te sei­ne Untergebenen, sei­ne gelieb­ten Geschöpfe, nicht län­ger auf die Folter. Ein klei­nes Seitenportal öff­ne­te sich. Herein trat der Herrgott. Bei des­sen Anblick dann aller­dings droh­te dem vier­bei­ni­gen Himmelskandidaten bei­na­he ein post­mor­ta­ler Herzschlag. Hund fie­len fast die Augen aus dem Kopf und sei­ne vor Aufregung zit­tern­de Nase ab. Nein, soo hat­te er sich sei­nen Herrn und Meister denn doch wahr­lich nicht vor­ge­stellt. Der stand da nicht etwa in wal­len­dem wei­ßem Gewande. Wie immer in dem komi­schen Bibeldingsbums geschil­dert. Stattdessen ent­pupp­te der sich als ech­ter Naturbursche. War sehr flott geklei­det in Kniebundhose, rot-weiß-karier­tem Hemde und Wanderschuhen. Wozu er die aller­dings hier trug, war und blieb unse­rem Wauwau rela­tiv schlei­er­haft. Berge waren hier nir­gend­wo zu sehen. Wahrscheinlich leb­te sein obers­ter Chef sehr mode­be­wusst. “Wieso eigent­lich aber auch nicht die­sen Kleidungsstil?“, führ­te sich Mato vor Augen, immer noch fas­zi­niert des­sen Outfit begut­ach­tend, “Schließlich hat der ja die gesam­te Natur erschaf­fen. Der darf also so rum­ren­nen!“. Rot-weiß karier­tes Hemd? “Rot“ stand für Liebe und war somit durch­aus ange­mes­sen. Und “weiß“ für Unschuld. Doch dies­be­züg­lich reg­te sich in Matos Herzen leb­haf­ter Widerspruch. Denn soo unschul­dig war Gottes Sohn, der lie­be Jesus, wäh­rend sei­nes Erdenlebens gar nicht gewe­sen. Hatte sogar meh­re­re Freundinnen gleich­zei­tig sein Eigen genannt. Obwohl das in dem Bibeldingsbums aus­drück­lich ver­bo­ten wor­den war. Na ja, viel­leicht soll­te er bes­ser sein Mäulchen hal­ten. Sann er dar­über nach, wie vie­le Weibchen er in sei­nem Leben …!

Der Naturbursche, Schöpfer allen Seins, wirk­te jeden­falls augen­blick­lich sicht­lich erschöpft. “Himmel! Noch ein sol­ches Exemplar heu­te, und es langt!“ Mato (ganz erschüt­tert): “Der ruft sich ja selbst an. Dann ist es wahr­lich weit mit ihm gekom­men!“ Er ent­schied, ganz beson­ders char­mant zu dem zu sein. Wäre ohne­hin anzu­ra­ten, denn schließ­lich woll­te er hier ja rein. Er setz­te sich in dem Korb auf, ord­ne­te sei­ne Pfoten ordent­lichst neben­ein­an­der, setz­te sei­nen innigs­ten Dackelblick auf und harr­te mit gehö­ri­gem Herzklopfen der Dinge, die jetzt unwei­ger­lich auf ihn zukä­men. “Na, Matochen, dann wer­fe ich mal schnell einen Blick auf dei­ne Papiere. Obwohl ich das ja gar nicht brau­che, denn ich bin ja all­wis­send, wie du weißt.“ “Eigenartige Bemerkung!“, sag­te sich Mato, “Mein obers­ter Chef ist ja total grog­gy!“ Doch, bevor er die­sen frus­trie­ren­den Gedanken wei­ter spin­nen konn­te, ging es erst rich­tig los: “Also, Mato, was lese ich hier: Gehört sich das, dau­ernd aus­zu­bü­xen? Und, darf man alles klau­en, was nicht niet- und nagel­fest ist?“ Gott wieg­te bedäch­tig zwei­felnd sei­nen Kopf hin und her, “Ob ich dich unter die­sen Umständen hier auf­neh­men kann?”. Matos Herz fing an zu flat­tern: “Lieber Gott, bit­te, bit­te. Lies bes­ser an and­rer Stelle wei­ter!“ Der lie­be Gott hat­te ein Einsehen und über­sah geflis­sent­lich die nächs­ten zwei Kapitel. Zu Hunds gro­ßen Glück. Denn danach folg­te nur noch Lob: “Na, du hast ja dein Rudel dein Leben lang kon­se­quent, mit Vehemenz ver­tei­digt, hast aus­ge­spro­chen gedul­dig mit dem Menschnachwuchs gespielt. Und, was für mich aus­schlag­ge­bend ist: Du hast auch nicht ein ein­zi­ges Mal ver­sucht, dei­ne Menschen bös­ar­tig anzu­knur­ren. Wenn ich das so lese, dann will ich noch mal Gnade vor Recht erge­hen lassen.“

Plötzlich gefiel Mato die himm­li­sche Rechtsprechung wie­der ganz unge­mein. Mutiger gewor­den, traps­te er zu Gottvater, schmieg­te sich an des­sen Bein und ließ sich mit Wonne minu­ten­lang abknud­deln. Gottvater nutz­te das eben­falls mit Wonne eben­falls minu­ten­lang aus. “Ach, sag ein­mal, wor­an bist du eigent­lich gestor­ben?“, mein­te doch tat­säch­lich da sein Herr und Meister. “Spinnia sau­rica!“, stot­ter­te Mato irri­tiert. “Weshalb frag­te der denn bloß? Ich den­ke, der ist all­wis­send?”, kam in ihm fra­gend auf. Hund wun­der­te sich doch beträcht­lich. “Ääh … what?“ gab Gott da gar nicht mehr so all­wis­send zurück. “J… ja, wau, abaaa – ich d…dachte…!“, es ende­te von Matos Seite aus in einem ziem­lich hilf­lo­sen Stottern. Dann kam ihm eine erschre­cken­de, all sei­ne hün­di­schen Glaubenssätze über den Haufen wer­fen­de Erkenntnis: Sollte die­ser Schöpfer aller Kreaturen sich zu viel des Erschaffens zuge­mu­tet und des­we­gen so all­mäh­lich die Übersicht ver­lo­ren haben? Zum Beispiel dann auch dar­über, was alles an Arten von der “spin­nia sau­rica“ auf Erden ihr Unwesen trieb. Hatte der durch die­se Überanstrengung womög­lich an Allwissenheit ein­ge­büßt? Und dem­nach auch an Allmacht?

So ver­mu­te­te Mato. Und er ver­mu­te­te rich­tig. Gottvater ließ sich auf sei­nen Thron plump­sen (im Hundehimmel ist das ein Superluxuskorb mit min­des­tens drei Kopfkissen!), stütz­te den nicht mehr so ganz all­wis­sen­den Kopf in sei­ne lin­ke Hand und dach­te nach. Brütete über “spin­nia sau­rica“, zwecks Aufpolierens sei­ner Allwissenheit. Der Rest, der ihm noch ver­blie­be­nen Allmächtigkeit soll­te ihm dabei hel­fen. Mato hat­te vol­ler Mitleid sei­nen Schöpfer beob­ach­tet. Der da so zusam­men gesun­ken saß. Sein Entschluss stand fest: “Dem schen­ke ich zum nächs­ten Geburtstag eine Ausgabe von“Brehm´s Tierleben, zwecks Wiederaufbaus des gött­li­chen Selbstbewusstseins!”.

Gaby Schumacher
Geschichte “Allmacht” ist nach­zu­le­sen auf 
www​.kein​ver​lag​.de, www​.online​-roman​.de, www.e‑stories.de

Anmerkung der Redaktion

Auf unse­re Anfrage nach einer Übernahmeerlaubnis beka­men wir die­se Antwort:

Hallo!
Gerne und mit Stolz gebe ich Dir die Erlaubnis, sie auf Deiner Internetseite zu veröffentlichen.

Übrigens muss­te er jetzt am Donnerstag fast 17-jäh­rig ein­ge­schlä­fert wer­den. Er war seit ein paar Tagen völ­lig ver­wirrt, frass nicht mehr, trank nicht mehr und guck­te mich an, sah aber durch mich hin­durch. Mato, gen. Knödelchen ist in mei­nen Armen fried­lich ohne Schmerzen ein­ge­schla­fen. Ein sehr stol­zer Hund, dem es ermög­licht wur­de, stolz in den Tod zu gehen und nicht etwa an bereits begin­nen­den Qualen elen­dig zugrun­de zu gehen (Bauchkrämpfe). Er war der ältes­te von drei Tieren, die ich gleich­zei­tig groß gezo­gen habe und zudem mein Lieblingshund.

Ich freue mich, dass Dir die­se Geschichte so gut gefal­len hat. Als ich sie damals schrieb, ahn­te ich noch nicht …

Einen lie­ben Gruß
Gaby Schumacher, Düsseldorf


Wir bedan­ken uns bei Gaby Schumacher für die Übernahmeerlaubnis und hof­fen, auch Ihnen hat die Geschichte gefal­len. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch aus­zugs­wei­se, bedür­fen der schrift­li­chen Zustimmung des der Autorin.

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