Fragen zur Aggression

von Prof. Manfred Wolff


  1. Mein Hund greift mich an, beißt mich sogar.
  2. Mein Hund greift erwach­se­ne Familienmitglieder an.
  3. Mein Hund greift (mei­ne) Kinder an.
  4. Mein Hund greift frem­de Menschen an.
  5. Mein Hund greift unse­ren ande­ren Hund / unse­re Katze an.
  6. Mein Hund greift auf Spaziergängen ande­re Hunde an.
  7. Mein Hund jagt Katzen und Hühner.

Sofortmaßnahmen
Kurzfristige Maßnahmen
Mittelfristige Spezialmaßnahmen
Theoretischer Hintergrund
Literatur

Sofortmaßnamen

Sofortmaßnahme bei „Mein Hund beißt mich“
Bei allen Angriffen gegen Sie erstar­ren Sie sofort in der Haltung, in der Sie sind (tot stel­len). Wenn die Spannung des Hundes nach­ge­las­sen hat, las­sen Sie ihn etwas, was er sicher kann, machen (freund­lich „Sitz“), gehen Sie danach nor­mal mit ihm um.

Auf kei­nen Fall dür­fen Sie mit dem Hund kämp­fen. Dies ist ein­mal zu gefähr­lich, zum ande­ren wird Ihr Verhalten als Rangkampf auf­ge­fasst, den Sie viel­leicht die­ses Mal gewin­nen, der aber das nächs­te Mal bei pas­sen­der Gelegenheit wie­der­holt wird!

Sofortmaßnahmen bei „Mein Hund beißt mei­ne Kinder“
Lassen Sie Hund und Kinder mög­lichst nie ohne Erwachsenenaufsicht. Wenn es unum­gäng­lich ist, benut­zen Sie einen Maulkorb und bit­ten die Kinder, den Hund zu ignorieren.

Sofortmaßnahme beim Angriff auf frem­de Hunde
Entfernen Sie sich mög­lichst unauf­fäl­lig und laut­los bis auf min­des­tens 200 m von der Stelle, an der Ihr Hund den ande­ren ange­grif­fen hat. Verstecken Sie sich oder hocken Sie sich hin und war­ten Sie ab. Ihr Hund soll­te unsi­cher wer­den und Sie suchen. Wenn er kommt, lei­nen Sie ihn an und küm­mern sich um den ande­ren Hund und sei­nen Besitzer. Wenn Ihr Hund nicht kommt, han­delt es sich um einen beson­ders erns­ten Unglücksfall. Dann stimmt unter Umständen auch das Verhältnis zwi­schen Ihrem Hund und Ihnen nicht! Suchen Sie einen Tierverhaltenstherapeuten auf.

Kurzfristige Maßnahmen

Kurzfristige Maßnahme in allen Fällen
Meiden Sie die Situationen, in denen der Hund das uner­wünsch­te Verhalten zei­gen kann, bis Sie es ihm (durch Gegenkonditionierung) abtrai­niert haben.

I. Fröhliches und kon­se­quen­tes Gehorsamstraining
Zum Grundgehorsam gehö­ren ‚Sitz’, ‚Platz’, ‚Sitz bleib’ (in bei­den Fällen ent­fer­nen Sie sich um etwa 50 m oder gehen kurz­fris­tig in ein ande­res Zimmer), ‚Sitz’ und ‚Platz’ aus der Entfernung (aus etwa 50 m mit Hör- und Sichtzeichen), ‚Hier’ (Hund muss zuver­läs­sig aus 200 m Entfernung kom­men) und ‚Bei mir’ (Hund bleibt im Umkreis von 3 m bei Ihnen, respektíve geht ohne zu zer­ren an einer 2m-Leine). Der Grundgehorsam muss stän­dig geübt wer­den, zum Beispiel vor jeder Fütterung ein ‚Sitz-Bleib’ oder ‚Platz-Bleib’, beim Spaziergang min­des­tens jedes Verhalten ein­mal trainieren.

Konsequent heißt: Es pas­siert nichts, bevor das Verhalten gezeigt wurde.

Fröhlich heißt: Die Übungen gehö­ren zum Spiel mit Ihnen, die Hörzeichen wer­den freund­lich (kla­re und hohe Stimme) und ruhig gege­ben (zäh­len Sie bis 10 bevor Sie das Hör- oder Sichtzeichen wie­der­ho­len), der Hund wird unre­gel­mä­ßig belohnt (durch Schnüffeln las­sen, Streicheln, Lobwort, Leckerle usw.).

II. Umsichtiges Führen
Lassen Sie sich von mög­lichst kei­ner Situation über­ra­schen. Im Wiesen- oder Parkgelände las­sen Sie stän­dig Ihre Aufmerksamkeit schwei­fen und rufen den Hund zu sich, wenn Sie eine mög­li­che Reizsituation vor­aus­ah­nen. Bei unüber­sicht­li­chem Gelände las­sen Sie den Hund ‚Sitz Bleib’ machen und erkun­den erst den Weg. Dann rufen Sie den Hund zu sich.

III. Gegenkonditionierung
Unter Gegenkonditionierung ver­steht man den Aufbau eines gewünsch­ten Verhaltens (sozu­sa­gen eines „Ersatzverhaltens“) auf­grund eines Reizes, der ursprüng­lich zu uner­wünsch­tem Verhalten führte.

Beispiel: Ursprünglich jag­te der Hund hin­ter Joggern her, jetzt setzt er sich, wenn er Jogger sieht.

Die Gegenkonditionierung funk­tio­niert opti­mal, wenn der Hund den Grundgehorsam bereits hat. Sie schließt die soge­nann­te Desensibilisierung mit ein.

Aufbau der Gegenkonditionierung
Der Hund muss das von Ihnen gewünsch­te Verhalten schon auf Zeichen hin in nor­ma­len Situationen zei­gen kön­nen. Nehmen Sie des­halb ‚Sitz’ aus der Entfernung’, oder ‚Platz’ oder ‚Hier’ als das von Ihnen gewünsch­te Ersatzverhalten.

Sie füh­ren Ihren Hund nun in eine Situation, in der der Reiz sehr schwach ist (frem­der Hund oder Jogger oder Katze sind weit weg, der Hund bemerkt sie kaum). Sie las­sen den Hund das von Ihnen gewünsch­te Ersatzverhalten machen (immer das­sel­be, also bei­spiels­wei­se immer ‚Sitz!’) und beloh­nen ihn danach beson­ders. War der Reiz schon zu stark, so len­ken Sie den Hund durch beson­ders gute Leckerli oder attrak­ti­ves Spielzeug ab. Steigern Sie lang­sam den Reiz (Sie sind immer näher am Jogger oder frem­den Hund oder an einer Katze). Bei Rückfall igno­rie­ren Sie sein uner­wünsch­tes Verhalten und gehen wie­der in wesent­lich grö­ße­re Entfernung.

IV. Das geis­ti­ge „Halti“
Die Übung besteht dar­in, dass der Hund auf Hörzeichen ‚Zurück’ sei­nen Kopf zu Ihnen wen­det, egal, was er sonst macht. Damit wird der Kontakt zum bis­he­ri­gen Gesichtsfeld unter­bro­chen und der Hund für kur­ze Zeit (Millisekunden) auch in Gefahr ansprechbar.

Wir begin­nen in reiz­ar­mer Umgebung, haben den Hund ange­leint und blei­ben ruhig ste­hen. Sobald er den Kopf zu uns dreht, beloh­nen wir ihn. Später sagen wir dabei das Hörzeichen ‚Zurück’. Nach einer Weile sagen wir erst das Hörzeichen. Erfolgt die Kopfbewegung, so beloh­nen wir wie­der, bis das Hörzeichen abso­lut sicher befolgt wird. Nun erst (!) wie­der­ho­len wir die Sache in Gegenden mit sehr schwa­cher Ablenkung. Diese Übung muss sehr lang­sam gestei­gert wer­den. Bitte benut­zen Sie das Hörzeichen wäh­rend der Aufbauphase nie, wenn die Ablenkung zu stark ist.

Hund greift Hundeführer oder Familienmitglieder an
Richtet der Hund sich dabei auf, wider­setzt er sich Anweisungen? Steht sein Schwanz dabei hoch? Befindet sich der Hund dabei in Konkurrenz zu einem Familienmitglied ⇒ (domi­nan­tes Verhalten) ODER sind Sie oder das Familienmitglied dem Hund sehr nah gekom­men, hat er den Schwanz ein­ge­zo­gen, die Ohren nach hin­ten gelegt oder war sei­ne Reaktion eher panisch ⇒ (ängst­li­ches Verhalten)?

Hund greift frem­de Menschen an
Sind die­se dem Hund sehr nahe gekom­men, woll­ten sie den Hund strei­cheln? Zeigte er dabei Schnappen oder wil­des Beißen. War der Schwanz eher unten, die Ohren nach hin­ten gelegt ⇒ (Angst vor Fremden) ODER „ver­tei­digt“ der Hund Ihr Grundstück oder Sie? Rennt er vor­wärts zu dem Fremden hin ⇒ (akti­ve Aggression gegen Fremde)?

 Mittelfristige Spezialmaßnahmen

Hund greift Hundeführer oder Familienmitglieder (einschl. Kinder) an
In der Familie hilft im Fall des domi­nan­ten Verhaltens das kon­se­quen­te ⇒ Gehorsamstraining sowie die ein­deu­ti­ge Reihenfolge:

  • Der Hund erhält immer nach der Familienmahlzeit sein Futter.
  • Sie spie­len mit ihm nur, wenn Sie ihn dazu auffordern.
  • Sie gehen immer als Erste® durch jede Tür. Wenn es klin­gelt und der Hund zur Tür rennt, las­sen Sie ihn absit­zen, bevor Sie öffnen.
  • Allgemeiner las­sen Sie ihn bei allen mög­li­chen Gelegenheiten erst ‚Platz’ oder ‚Sitz’ machen, bevor er etwas tun darf, was er möchte.
  • Achten Sie dar­auf, dass die Kinder den Hund nicht pro­vo­zie­ren, auch nicht unab­sicht­lich. Erziehen Sie die Kinder zu einem ver­nünf­ti­gen Umgang mit dem Hund.

Bei Vorliegen von ängst­li­chem Verhalten müs­sen Sie dem Hund zusätz­lich Sicherheit geben, etwa durch den Tellington-Touch, durch viel Ruhe, Freundlichkeit und Gleichmaß im Alltag und durch vor­sich­ti­ges ⇒ Gehorsamstraining (nicht überfordern).

Hund greift frem­de Menschen an

Angst vor Fremden
Hier hilft Desensibilisierung in der fol­gen­den Form: Bitten Sie den Fremden (es genügt ersatz­wei­se ein ent­fern­ter Bekannter), sich teil­nahms­los hin­zu­ho­cken, den Kopf vom Hund abzu­wen­den, den Arm aus­zu­stre­cken und in der aus­ge­streck­ten Hand ein gutes Leckerli zu hal­ten. Sie füh­ren den Hund ziel­stre­big, aber abso­lut ruhig an das Leckerli her­an und las­sen es ihn aus der Hand neh­men. Führen Sie den Hund wie­der weg und loben ihn. Wiederholen Sie die­se Übung ein paar Mal sofort, dann mit ande­ren „Fremden“.

Im nächs­ten Schritt steht der ande­re, sonst läuft die Übung wie oben. Im dar­auf­fol­gen­den Schritt schaut der Fremde den Hund unauf­fäl­lig an, sonst läuft die Übung wie oben. Schließlich geht der Fremde ohne Leckerli am sit­zen­den Hund vor­bei. Bleibt der Hund ruhig, wird er anschlie­ßend belohnt.

Dieses Training kann je nach der Vorerfahrung des Hundes sehr lan­ge dau­ern. Genauso kön­nen Sie Ihren Hund an ande­re Hunde gewöh­nen, falls Ihr Hund vor jenen Scheu oder Angst hat.

Aktive Agression
Hier hilft die ⇒ Gegenkonditionierung in der im all­ge­mei­nen Teil beschrie­be­nen Form. Aber schau­en Sie auch, ob bei dem Vorstürmen Angst ein­ge­schlos­sen ist (eher geduck­te Körperhaltung, Angriff von hin­ten). Dann lesen Sie ⇒ Angst vor Fremden.

Hund greift unse­ren ande­ren Hund / unse­re Katze an

Ihr Hund greift Ihren ande­ren Hund an
Halten Sie bei allen Aktionen wie Füttern, Bürsten, Streicheln, Anleinen zum Spazierengehen, aus der Wohnung / dem Haus las­sen, ins Auto las­sen, immer die glei­che Reihenfolge ein: erst Sie, dann der Ältere bezie­hungs­wei­se län­ger bei Ihnen Seiende, dann der zwei­te. Beschäftigen Sie bei­de Hunde durch freund­li­ches, kon­se­quen­tes ⇒ Gehorsamstraining. „Bestrafen“ Sie den „Aggressor“ nicht. Bei hef­ti­ger, wie­der­hol­ter Beißerei benut­zen Sie vor­über­ge­hend einen Maulkorb für bei­de. Nehmen Sie eine ⇒ Gegenkonditionierung vor.

Ihr Hund greift Ihre Katze an
Auch hier legen Sie die Reihenfolge fest: Erst Sie, dann das Tier, das län­ger bei Ihnen ist, dann das ande­re Tier. Lassen Sie die Tiere nie ohne Aufsicht zusam­men. Nehmen Sie eine ⇒ Gegenkonditionierung vor. Beschäftigen Sie den Hund durch freund­li­ches, kon­se­quen­tes ⇒ Gehorsamstraining.

Hund greift auf Spaziergängen ande­re Hunde an
Wenn der Hund nur ängst­lich oder ärger­lich auf Belästigungen von ande­ren reagiert, mei­den Sie die Situationen. Gewöhnen Sie Ihren Hund an, ande­re durch ⇒ Desensibilisierung und Besuch eines ver­nünf­ti­gen Hundeplatzes für Familienhunde (Turnierhundesport oder Agility- oder Familienhund-Kurs). Wenn Ihr Hund angriffs­lus­tig zu ande­ren rennt, neh­men Sie die ⇒ Gegenkonditionierung wie bei Joggern vor.

Hund jagt Katzen und Hühner
Hier hilft Umsicht und ⇒ Gegenkonditionierung. Außerdem hilft das Hörzeichen ‚Zurück“ ⇒ Halti.

Theoretischer Hintergrund

Man unter­schei­det eine gan­ze Reihe von ver­schie­de­nen Aggressionstypen, die aber zum Teil gleich behan­delt werden:

  • Beute-Aggression – zum Beispiel Hühner, Katzen und Jogger jagen, aber auch sehr klei­ne ande­re Hunde tot­bei­ßen, sie wer­den als Beutetiere angesehen,
  • Angst-Aggression – zum Beispiel plötz­li­ches Beißen beim Bedrängtwerden durch ande­re Menschen, ins­be­son­de­re durch unacht­sa­me Kinder oder aber auch durch ande­re Hunde,
  • Dominanz-Aggression bei unsi­che­rer Rangstellung inner­halb der Familie,
  • Besitz-Aggression Beißen bei Abnahme eines Knochens oder Spielzeugs,
  • Revierverteidigung – zum Beispiel Verteidigung des Hauses gegen Briefträger, aber auch Aggression gegen ande­re Menschen und Hunde auf dem täg­li­chen Spaziergang; das Terrain wird unter Umständen als Revier angesehen,
  • Sexuelle Aggression – Rüden-Kämpfe um Hündinnen, Hündinnen-Kämpfe gegeneinander,
  • „Wut“-Syndrom – kommt zum Beispiel bei roten Cocker-Spaniels gehäuft vor, prak­tisch nicht behandelbar.

Die meis­ten Aggressionsformen sind gene­tisch fixiert. Sie las­sen sich also nicht end­gül­tig „weg­be­han­deln“, son­dern nur sehr gut kon­trol­lie­ren. Dazu die­nen die oben vor­ge­schla­ge­nen Maßnahmen, die immer wie­der ein­mal wie­der­holt wer­den soll­ten. Für eine Vertiefung lesen Sie die ange­ge­be­ne Literatur oder fra­gen Sie Ihren Tierarzt.

Literatur

  • Henry R. Askew: Behandlung von Verhaltensproblemen bei Hund und Katze, Paray Verlag Berlin 1997
  • Gudrun Feltmann-von Schroeder: Hund und Mensch im Zwiegespräch, Kosmos Verlag Stuttgart 1993
  • Valerie O’Farrell: Manual of Canine Behaviour, Britisch Small Animal Veterinary Association, Nachdruck der 2. Auflage 1996